Foto: Adrian Smith + Gordon Gill Architects, Jeddah Economic Company (JEC)
Jeddah, an der Küste des Roten Meeres. Kaum, dass die Morgensonne den Staub der Baustelle in Gold taucht, leuchtet er schon – unfertig, aber bereits dominierend: Ein Turm von heute 80 Stockwerken, als höchstes Bauwerk der Menschheit konzipiert. Die Saudis haben es also schon wieder getan: Sie kommen mit einem architektonischen Superlativ um die Ecke…
Klar, was hier entsteht, das klingt durchaus wie ein neues „größer, schneller, weiter“, das Saudi-Arabien in die Welt ruft. Gerade so, als hätte man die letzten architektonischen Superlative und deren Schicksale schon vergessen…über die Baugrube von „The Line“, der als längste Stadt der Welt #Saudimag geplanten Metropole legt sich der Sand, das Inselresort Sindalah bemüht sich darum, in Vergessenheit zu geraten. Der riesige goldene Würfel #SaudiMag als neues Stadtzentrum Riyadhs…im Sleep-Mode.
Und die Skiwelt von Trojena ? Sie skipt den Bau von Gebäuden, um überhaupt in die Nähe eines realistischen Öffnungstermins zu kommen. Wobei sich nach Absage der Asiatischen Winterspiele #SaudiMag die Frage stellt, ob das Resort überhaupt irgendwann einmal Touristen wird anziehen können.
Der Jeddah-Tower nun, er soll das höchste Bauwerk der Welt werden. Soll Saudi-Arabiens architektonische Ambitionen mittelfristig mit Einzigartigkeit krönen und die Emiratis in Dubai mit dem Burj Khalifa, dem gegenwärtig höchsten Gebäude, in den Schatten stellen.

Der Jeddah Tower wird als Leuchtturm der Innovation und Katalysator für Wachstum dienen… Die heutigen Fortschritte stellen die Verwirklichung einer Vision dar, an der jahrelang gearbeitet wurde
Talal Ibrahim Al Maiman, CEO der Jeddah Economic Company (JEC)
Wo kommt das Projekt auf einmal her?
Der Jeddah-Tower, der gerade wie aus dem Hut gezaubert erscheint, ist gar kein neues Projekt. Ganz im Gegenteil; das Gebäude steht erst einmal in keinem Zusammenhang zur Vision 2030 und das Projekt war (zudem anfangs) privat finanziert – nicht aus der Schatulle des halbstaatlichen PIF. Seit 2008 wurde er geplant. Bereits 2013 wurde mit dem Bau begonnen – unter Patronage des damaligen saudischen Königs Abdullah bin Abdulaziz (1924-2015), dessen Thron 2015 an den gegenwärtigen Herrscher, König Salman bin Abdulaziz, überging. Und eben darum wird es jetzt spannend.
Nach dem Spatenstich wuchs der Turm zehn Jahre lang, bis er 2018 ansehnliche 63 Stockwerke erreicht hatte. Heute liegt die geplante Höhe des Wolkenkratzers bei etwas über 1.000 Meter, also rund 170 Meter über der des Burj Khalifa in Dubai. Ursprünglich reichte die Vision sogar weiter – von bis zu 1.700 Meter war die Rede. Doch Architektur endet dort, wo Geologie beginnt. Der Untergrund von Jeddah, sandig, salzig und nah am Meer, setzte eine klare Grenze. Nicht der Wille war das Problem, sondern der Boden – noch bevor bautechnische Herausforderungen weitere Fragen stellen konnten.


Dann, 2018, wurde es still auf der Baustelle. Die Kräne verharrten wie eingefrorene Zeiger einer zu großen Uhr. Für viele wurde der Jeddah Tower zum Symbol eines überdehnten Traums. Die Bauarbeiten stoppten aufgrund interner Skandale und politischer Differenzen. Auch die mittlerweile neuen Entscheider auf dem Thron konnten sich nicht mit dem geerbten Projekt anfreunden. Vor allem der heutige Premierminister Mohammed bin Salman #Saudimag wollte sich auf seine eigenen Visionen konzentrieren; der Jeddah-Tower blieb im Pause-Modus und fiel erst einmal offiziell in Vergessenheit.
Wird womöglich ausgerechnet ein ungeliebtes, altes Bauprojekt zum Erfolgssymbol der neuen Vision 2030?
Solange, bis 2024 die ersten Hinweise erschienen, dass Leuchtturmprojekte der Vision 2030 womöglich aus den Terminplänen laufen würden – allen voran jene in der Region Neom. Der Industriehafen Oxagon, die Sportresorts Sindalah und Trojena, die Hauptstadt The Line (#Saudimag hat berichtet). Plötzlich erschien der Jeddah Tower wie eine Trumpfkarte. Denn nicht nur dessen Fundamente waren bereits fertig – und damit der langwierige und marketing-technisch langweilige Teil – er hatte sogar eine stattliche Bauhöhe von rund 250 Meter erreicht, die seit einigen Jahren unbeachtet in Jeddah fast zu einem Mahnmal geworden waren.
Vielleicht hat man sich dann 2024 in Jeddah und Riyadh daran erinnert, dass der Burj Khalifa in Dubai in der spannenden „Wachstumsphase“ um ein Stockwerk pro Woche in die Höhe schoss – viel beachtet von der ganzen Welt. Dessen Beispiel mag im saudischen Königshaus die Hoffnung geweckt haben, bis 2030 den Jeddah Tower fertigstellen zu können – um die Erfolge der Vision 2030 mit dem höchsten Gebäude der Welt feiern zu können. Das wäre erstmal kein schlechter Move…man würde sozusagen einem geerbten Bauprojekt, das zudem frei finanziert ist, eine Vision-2030-Mütze aufsetzen.

Das Design des Jeddah Tower nutzt bewährte technologische Strategien voll aus, es verfeinert und entwickelt sie weiter, um neue Höhen zu erreichen
Adrian Smith, AS + GG Architecture
Zurück aus der Vergessenheit kam der Turm 2024 ohne große Ankündigungen, ohne Pathos. Der Baustart war 2013 noch ein globales Ereignis. Internationale Ingenieure, ambitionierte Zeitpläne, ein Projekt, das mehr versprach als nur Höhe. Es versprach weltweites Prestige. Der Restart…leise. Außergewöhnlich für die Saudis, die normalerweise für jeden Spatenstich einen großen Scheck nach London schicken, damit ein Graphikstudio dort eine feine Computeranimation zur Untermauerung eben dieses Spantenstiches erstellt. Nein, es wurde einfach wieder gearbeitet – bis heute.

Seit 2025 fließt der Beton wieder, Etage um Etage wächst der Kern in die Höhe. Wer die Baustelle heute besucht, spürt keinen Zweifel, sondern Konzentration. Dies ist kein Ort für Spektakel. Es ist ein Ort für Präzision. Vielleicht ist die Konzentration auf mehr Realität eine Lehre, die die Saudis aus den Neom-Animationsbattles gezogen haben.
Das Königreich setzt einmal mehr auf Profis – mit der Bauführung ist die Firma Turner aus den USA beauftragt, die schon den Burj Khalifa hingestellt hat. Der Entwurf von Adrian Smith + Gordon Gill Architecs, ebenfalls aus den USA, folgt keiner ornamentalen Geste. Adrian Smith war die zeichnerische Hand ebenfalls hinter dem Burj Khalifa; die dreiflügelige Form der beiden Tower hier und dort ist eine Antwort auf Wind, Hitze und Schwerkraft. Schönheit entsteht aus Physik und Berechnung. Unter der Erde reichen die Fundamente tief in den Boden, über 100 Meter, ausgelegt für Lasten, für die es kaum Vergleichswerte gibt. Die Aufzugssysteme werden vom finnischen Unternehmen Kone neu gedacht – vertikale Strecken, länger als ganze Hochhäuser anderswo. Im Inneren sind Wohnungen, Büros, öffentliche Räume und ein Four Seasons Hotel geplant. Ganz oben eine Aussichtsplattform, die höher liegen wird als jede andere auf der Welt.

Vielleicht hat man jetzt in Saudi-Arabien verstanden, dass es die bessere Strategie ist, öfters auf den Fortschritt in der staubigen Baugrube zu schauen, als auf teure Renderings aus London
Lars von Lennep, #SaudiMag-Chefredakteur
Der Jeddah Tower wird gerade von staatlicher Seite mehr und mehr verwoben mit der Saudi Vision 2030. Er soll für ein Land stehen, das sich neu erfindet: weniger abhängig von alten Modellen, stärker ausgerichtet auf Urbanität, Technologie und internationale Präsenz. Das Hochhaus ist dabei nicht nur Ziel, sondern Mittel – ein sichtbares Zeichen dafür, dass Ambition wieder erlaubt ist. Oder dafür, dass Träumer auch einmal stolpern und wieder aufstehen dürfen. Ob er eines Tages exakt so vollendet wird wie es die Pläne versprechen, bleibt offen. Vielleicht wird er das höchste Gebäude der Welt. Vielleicht wird er ein weiteres Fragment einer zu großen Idee – was so manchem Projekt in Neom gerade zu drohen scheint. Das allerdings wäre wohl ein fatales politisches Signal im Königreich und für den Thronfolger.

Wie viel Sinn macht ein 1.000-Meter-Haus überhaupt?
Macht der Jeddah Tower aber – ganz sachlich gesehen – irgend einen Sinn, kann er besser werden als das gegenwärtig höchste Gebäude der Welt in Dubai? Es kommt drauf an, welchen Sinn man für sich definiert hat. Reicht es, dass er ein weltweiter Leuchtturm ist? Dann, definitiv. Betrachtet man es objektiv und allgemein, dann sieht das differenzierter aus:
Denn, der Burj Khalifa hat das Zentrum eines neuen Stadtviertels gebildet, welches sich dem Tourismus, dem Wohnen und Entertainment widmet. Das gegenwärtig höchste Gebäude der Welt wird tagtäglich von Touristen umschwirrt, die rund um seinen Fuß shoppen, genießen und lachen. Der Jeddah Tower bildet hingegen das Zentrum eines neuen…Business-Distrikts. Das klingt nach Buchhaltung – während man in Dubai das Marketing nach vorn stellte und darauf setzte, ein emotional fassbares Magnet für den Tourismus zu schaffen, über das die Welt sprechen konnte.
Der Jeddah Tower im Geschäftsviertel wird wohl eher ein technischer Fakt sein. Ein Beweis, wie hoch man bauen kann, was Ingenieure leisten können und ihre Maschinen. Ihn zur Krone zu machen, als Symbol einer erfolgreichen Vision 2030 und für ein Saudi-Arabien auf dem Weg in die Zukunft…das wird klappen, wird aber eher spröde sein. Der Jeddah-Tower ist weniger Emotion, mehr Statistik. Er steht für aufstrebendes Business und Geschäftserfolg, weniger für Tourismus und Genuss. Er ist sozusagen ein „B2B“-Turm. Die langen Wege in einem Hochhaus vom Boden auf die höheren Etagen sind bereits im Burj Khalifa unpraktisch. Das wird beim Jeddah Tower nicht besser werden.
Ach so, es gibt ja noch den „Rise Tower“ in Riyadh – warum erscheint er in dieser Story erst ganz zum Schluss und nur als Randbemerkung? Weil #SaudiMag jenes Projekt nicht ganz so ernst nehmen kann. Das soll nämlich ein 2 Kilometer hoher Turm werden, Baubeginn 2026 und Fertigstellung 2030…ja, die allseits bekannten Animationen aus London gibt es bereits. Aber bei bunten Renderings wird es wahrscheinlich auch bleiben. Warum sollte das zusehens mit seinem Staatsbudget zum Jonglieren gezwungene Königreich sich selbst Konkurrenz machen, beim Wettlauf um das höchste Gebäude der Welt?
Der Jeddah Tower hingegen, der wächst wirklich. Langsam, präzise, beinahe leise. Man hat den Eindruck, dass man in Saudi-Arabien eine Lektion gelernt hat – das man lieber zurückhaltend sein sollte, das es vielleicht eine bessere Strategie ist, öfters mal auf den Fortschritt in der staubigen Baugrube zu schauen, als auf teure Renderings aus London #
Verglichen mit Gigaprojekten wie in Neon erscheint ein Megaprojekt wie dieser Tower wirklich machbar. Man muß also nur den Maßstab verschieben. Bin gespannt was das gibt ist ja noch viel zu tun. Der Innenausbau von Bürogebäuden geht ja schnell also schneller als Wohnungen und viel schneller als Hoteletagen. Der Zeitplan kann durchaus funktionieren
Die Plattform soll auf 630m sein…dann würden also 400m Baustahlhut darüber sein wie Du es nennst 😉
Beim Burg Khalifa waren die Betonarbeiten wegen der erforderlichen Rezeptur und dem notwendigen Pumpendruck bei der letztendlich erreichten Bauhöhe an ihre technische Grenze gestoßen. Deshalb werden bestimmt viele letze Höhenmeter bei diesem neuen Projekt nur aus einem sehr hohen Bausstahlhut bestehen ohne echten Nutzen. Vermutlich ist die Aussichtsplattform die letzte echte Etage und dann kommen 250 Meter leerer Raum…
Der Burj Khalifa ist „nur“ 828 Meter hoch weil man Beton nicht höher pumpen konnte. Fraglich ist ob das jetzt anders ist.
Saudi-Dreck und Größenwahn.