Foto: Redaktion, Baring
Früher Morgen in Riyadh. Die Bildschirme der Tadawul, der Saudi Exchange in Riyadh flimmern, Zahlen tanzen, Händler tippen. Und doch ist etwas anders. Jeder hier weiß, daß ein historischer Moment bevorsteht: Ab Februar 2026 heißt es auf dem Parkett nämlich: Welcome, World. Saudi-Arabien, der größten Kapitalmarkt des Nahen Ostens, öffnet seinen Aktienmarkt für alle ausländischen Investoren und Retail-Kunden – ohne Hürden, ohne Sonderstatus, ohne Mindestvermögen in Milliardenhöhe.
Bislang gilt: Wer in Saudi-Arabien direkt investieren will, muss als qualifizierter ausländischer Investor durchgehen – mit mindestens 500 Millionen US-Dollar an verwaltetem Vermögen. Ein exklusiver Club, streng bewacht, wo alles Chefsache ist. Die Börse wie der traditionelle Majlis – ein Raum also, in dem gekrönte Fürsten und Wirtschaftsadel unter sich bleiben und Millionendeals mit Handschlag eintüten.

Von exklusiv zu global: Die Tadawul erfindet sich neu
Jetzt ist Schluss damit. Die saudische Kapitalmarktaufsicht hat das bestehende Regelwerk und damit ein Stück Exklusivität kassiert. Das Label „Qualified Foreign Investor“ verschwindet – und mit ihm eine große Eintrittsbarriere in den saudischen Finanzmarkt. Ab dem 1. Februar dürfen nicht-ansässige Investoren und Retailkunden direkt am Hauptmarkt handeln. Der Markt wird damit deutlich internationaler.
Der Schritt kommt nicht aus dem Nichts, denn der saudische Aktienmarkt hatte 2025 ein hartes Jahr. Der Tadawul All Share Index (TASI) verlor 12,8 Prozent – und blieb damit hinter allen Erwartungen zurück. Zum Vergleich: Der MSX im Oman konnte um 28,2 Prozent zulegen, in Dubai wuchs der Leitindex um 17,2 und in Abu Dhabi um 6 Prozent. In Saudi-Arabien hingegen, dort stiegen auch noch die Staatsausgaben und die Öleinnahmen schwankten weiterhin auf niedrigem Niveau unter 70 US-Dollar pro Barell. Das alles ist sehr ungelegen, denn Mega-Projekte brauchen Kapital. Viel Kapital. Eine Öffnung an der Tadawul ist deshalb mehr als Symbolpolitik. Sie ist Teil einer größeren Strategie, den Kapitalmarkt fit zu machen für die nächste Entwicklungsphase des Königreichs.

„Die Liberalisierung der Kapitalmärkte Saudi-Arabiens stellen für die gesamte Region einen bedeutenden Meilenstein dar. Durch die Senkung der Eintrittsbarrieren und die Gewinnung eines breiteren Spektrums von Investoren dürften diese Reformen das Interesse am saudischen Aktienmarkt ankurbeln
Adnan El-Araby, Portfoliomanager Baring EMEA Equities (zitiert nach Bloomberg)
Seit Jahren arbeitet Saudi-Arabien daran, sich als moderner Investitionsstandort zu positionieren. Die Börse spielt dabei eine Schlüsselrolle: als Finanzierungsquelle, als Vertrauenssignal, als Bühne für internationale Investoren.
Auch auf #SaudiMag hatten wir in den letzten Jahren mehrfach auf zwei konzeptionelle Sollbruchstellen im Finanzkonzept der Vision 2030 hingewiesen. So sollen Mega-Projekte grundsätzlich auch mit ausländischem Geld finanziert werden. Doch dafür braucht es zum einen Vertrauen durch die Kommunikation von Fakten anstatt Schweigen und Animationen. Zum anderen braucht es neben den ganz Großen auch ein stabiles Fundament zahlreicher kleinerer Investoren mit Volumina von jeweils unter 500 Millionen US-Dollar. Das sind dann aber die globalen Banken, Verwalter und Fonds, die durchaus nach Fakten fragen und nicht nach einem Handschlag und einem Abendessen im Palast einen Scheck schicken.
Zumindest der zweite Punkt kann mit der Neuordnung der Börsenregeln endlich an Dynamik gewinnen, denn Analysten sehen in der jetzigen Entscheidung einen strukturellen Wendepunkt. Niedrigere Eintrittsbarrieren bedeuten eine breitere Investorenbasis, mehr Liquidität – und langfristig auch bessere Chancen auf eine stärkere Gewichtung in globalen Indizes. Die erste Sollbruchstelle ist aber noch immer da. Fakten sind King und stechen visionäre Hochglanz-Renderings und Werbeslogans. Eine Kultur der Kommunikation, die auf potentielle Anleger abstrahlt, muss nach wie geschaffen werden, um ein weites Feld von Investoren anzuziehen.
Die bestehende Beteiligungsobergrenze bleibt übrigens vorerst bestehen. Doch die Richtung ist klar. Die Öffnung des Marktes sendet ein unmissverständliches Signal an die Finanzwelt: Saudi-Arabien meint es ernst. Sollten auch die Obergrenzen für ausländische Beteiligungen künftig angehoben werden, könnten massive Kapitalströme folgen. Schätzungen zufolge wären bei einer Erhöhung auf 60 bis 100 Prozent passive Zuflüsse von bis zu 10 Milliarden US-Dollar möglich.
Wir sehen hier sicherlich noch nicht das Finale, aber ein starkes Signal. Das Parkett ist frei für neue Investoren-Zirkel. Zusammen mit der Liberalisierung auf dem Immobilienmarkt, die seit 2026 den Erwerb von echtem Eigentum möglich macht, sollte es dieses Jahr einen riesigen Push in Saudi-Arabien geben. Der Markt ist bereit für neue Player; der nächste Akt der wirtschaftlichen Transformation ist gerade gestartet #