Foto: Archer Aviation
Es beginnt mit einer Vision, die wie Science-Fiction klingt, sich aber verdammt real anfühlt: Morgens in Riyadh…kein Stau, kein Hupen, kein Stress – stattdessen ein leises Surren, ein senkrechter Start vom Dach, und zehn Minuten später bist du quer durch die Stadt. Das Startup Archer Aviation will genau das möglich machen. Flugtaxis für die Massen – elektrische Senkrechtstarter, am besten ohne Pilot autonom auf klaren Linien fliegend. Urban Air Mobility als neue Normalität…
Aber moment mal, eine ähnliche Einleitung gab es auf #SaudiMag doch schon einmal !? Fast drei Jahre ist es her. Damals schrieben wir über die Volocopter-Flugtaxi-Vision, die dann recht schnell geplatzt war, wie eine zu große Seifenblase. Und damit waren multimillionen Euros von privaten und staatlichen Anlegern atomisiert, die gern zu viel glauben wollten.
Archer Aviation ist ein US-Konzern, der elektrische Senkrechtstarter – sogenannte eVTOLs – entwickelt und sich als Vorreiter einer völlig neuen Mobilitäts-Ära positioniert. Auch das klingt so bekannt, als hätte die Redaktion von #SaudiMag ein kollektives Deja-vu. Archer’s Vorzeige-Modell trägt den Namen „Midnight“ – warum auch immer. Es klingt cool, sieht futuristisch aus, und befindet sich aktuell im Zertifizierungsprozess für die Anerkennung als Luftfahrzeug. Oder kurz davor. Wer kennt sich da schon im Detail aus.
Sicher ist: Kürzlich hat Archer Aviation Kooperationsgespräche mit der saud-arabischen Flugsicherheitsbehörde GACA begonnen, und offensichtlich sind die Saudis noch immer fasziniert von der Idee senkrechtstartender Flugtaxis. Archer Aviation will alles anders machen als seine Konkurrenten, denn bei vielen davon sind schon die Lichter ausgegangen. Zwischen Vision und Wirklichkeit liegt – wie so oft – ein ziemlich dicker Nebel aus Risiken. Blickt man also einmal genauer hin, dann erkennt man bei Archer Aviation vieles wieder, was man schon von Volocopter und Lilium kannte:
Da gibts ferngesteuerte Modellflugzeuge und viele Animationen. Es gibt große Worte über die Vision an sich, und kleine Worte über die technischen Innovationen, die sie real machen sollen. Die Kommunikation ist einseitig: Die Pressestelle ist für Detailfragen nicht erreichbar, schickt aber laufend Pressemeldungen ungefragt in die Welt. Meist geht es darin um Partnerschaftsgespräche, die man gerade führt – desto bekannter das Partnerlogo, desto dekorativer. Anlageprofis durchschauen solche Meldungen als „Name Dropping“. Anders die Kleinanleger. Sie lassen sich begeistern, wenn Archer Aviation vermeldet, eine strategische Partneschaft mit der US Navy oder einer großen Airline zu führen. Viele kleine Anleger bringen nun mal auch Geld herein.

Wird Archer Aviation der dritte Flugtaxi-Flop, auf den die Saudis setzen?
Global war Archer Aviation im letzten Jahr (2025) eines der meistdiskutierten Unternehmen der Luftfahrtbranche. Aber Umsatz ist noch lange nicht in Sicht – momentan gibt es nur viel Hoffnung. Und viel Potential für einen Cash-Burn. Denn Archer verdient bislang keinen einzigen Dollar. Nicht aus Partnerschaften und schon gar nicht mit irgendwelchen Flügen. Null. Nada. Die Zahlen zeigen das klassische Muster eines High-Tech-Start-ups: steigende Kosten, eine immer länger werdende Phase der Forschung und Entwicklung und keine Einnahmen.
Leider sind auch die Vereinbarungen, die Archer Aviation gerade aus Saudi-Arabien verkündet, wenig gehaltvoll. Wenn man nämlich all die markigen PR-Worte abzieht, bleibt wenig Substanz übrig:
So soll demnächst eine Flugmaschine im sogenannten „Sandbox-Environment“ getested werden, genauer gesagt im Bereich von Red Sea Global, dem Küsten- und Archipelprojekt am Roten Meer. Dort würden eVTOL’s mit ihrer geringen Flugreichweite und Tragkraft vielleicht als Hotel-Zubringer Sinn machen, und womöglich die geplante Flotte von Wasserflugzeugen ergänzen. Im Segment der Luxus-Hotelerie, wo man nicht auf den Euro schauen muss, würde sich ein „Form vor Funktion“- oder „Style vor Sinn“-Ansatz am ehesten implementieren lassen. Allerdings – bis die Zertifizierung realistisch gesehen durchlaufen ist, und Serienfluggeräte auch produziert und ausgeliefert werden können, wird es wohl 2030 sein. Eine lange Zeit, die langen Atem braucht. Der ist in Saudi-Arabien eher unüblich. Und übrigens, der lahme Vogel Volocopter hat seinen saudischen Sandbox-Test bereits 2023 gemacht – mit Erfolg bestanden aber ohne Zukunft; wir hatten berichtet.
Archer Aviation’s Plan sieht erste kommerzielle Flüge im Laufe dieses Jahres 2026 vor. Bis dahin lebt Archer Aviation vollständig von externem Kapital. Zwar sitzt das Unternehmen auf rund 1,7 Milliarden US-Dollar Liquidität, doch der Geldabfluss ist brutal: Quartalsverluste von etwa 176 Millionen US-Dollar sind kein Pappenstiel. Heißt übersetzt: Selbst bei sauberem Kostenmanagement wird man früher oder später frisches Geld brauchen. Neue Aktien, neue Schulden, vielleicht staatliche Unterstützung. Für Investoren ist das ein klassisches Double-Edged Sword: gigantisches Upside, aber auch die reale Gefahr einer Wasserlandung.
Kurz gesagt: Wer hier investiert, braucht Geduld – und starke Nerven. Denn, wie oben schon erwähnt, die Muster ähneln sich. Volocopter lebte in den letzten letzten zwei Jahren vor seiner Insolvenz davon, Starttermine für kommerzielle Erstflüge zu benennen, Hoffnungen zu schüren, Gelder von Kleinanlegern einzusammeln und dann den Starttermin immer wieder zu verschieben. Da wussten Fachleute längst, das alles nur heiße Luft war. Denn so läuft das Game nun einmal: Desto länger die Forschungsphase wird, desto länger ein Startup nicht liefert, desto stärker schwindet das Interesse von sachkundigen Investoren. Und desto mehr ist ein Startup auf Kleinanleger angewiesen, die sich eher emotional ansprechen lassen und keine Fachfragen stellen. Ein Flugzeug zu bauen ist wirklich schwer.
Ein neues Fluggerät dann für den kommerziellen Einsatz mit echten Piloten an Bord und auch noch echten Passagieren zertifizieren zu lassen, das ist Next Level – besonders dann, wenn es sich um eine völlig neue Flugzeugklasse handelt.
Zertifizierung: Das härteste Level im Game. One-Shot-Sieg? Unwahrscheinlich
Archer Aviation vermeldet den Start kommerzieller Flüge im Laufe des Jahres 2026. Das ist aber bereits heute, Anfang Januar, sehr, sehr unwahrscheinlich. Denn das würde bedeuten, dass der gesamt Zulassungsprozess für das vollkommen neuartige Flugzeugmuster atemberaubend schnell vonstatten gehen müsste. Die Regulierungsbehörden haben mit eVTOLs kaum Erfahrung. Verzögerungen? Sehr wahrscheinlich. Zusätzliche Auflagen? Ebenfalls.
Das ganze Zertifizierungs-Level 2026 im ersten Run beenden? Maximal unwahrscheinlich. Bisher hat es noch kein Elektro-Flugzeugschrauber so weit geschafft – nach mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt weltweiter Forschung mit Milliarden an Entwicklungsgeldern. Für den Airbus A380 waren zum Vergleich 13 Jahre nötig, von der Skizze auf einem Bierdeckel bis zum Boarding der ersten Passagiere von Singapore nach Sydney.
Das heißt: Ohne Zertifizierung wird es auch keine kommerzielle Flüge in 2026 geben. Und für Investoren bedeutet das: Jeder Monat Verzögerung frisst Cash, testet das Marktvertrauen und kann die Story schnell kippen lassen.

Sieht man es positiv wie Archer Aviation, und glaubt man an eine Sofort-Zertifizierung, dann beginnt schon die nächste Herausforderung: Die Skalierung. Das ist der Sprung vom Prototyp zur Serienproduktion, und der ist in der Luftfahrt berüchtigt. Lieferketten, Qualitätskontrolle, Kostenexplosionen – hier sind schon ganz andere Programme abgestürzt.
Startup leben von Hoffnung und Gier. Der Hoffnung der Anleger, Teil von etwas Neuem zu werden und von der Gier, ihre Innovationen zu gigantischen Gewinnen zu machen. Startup-Business ist Risky Business, das sollte jeder wissen. Tatsächlich ist der Markt riesig – oder wird als riesig dargestellt. Schätzungen sprechen von einem Billionen-Dollar-Potenzial bis 2040. Aber diese Statistiken kommen von vielen Seiten. Auch von den Flugzeugbauern selbst.
Archer Aviation hat ohne Frage ein paar Meilensteine erreicht: strategische Partnerschaften, militärisches Interesse, sichtbare Fortschritte bei der Regulierung. Die Vision lebt – und sie ist verdammt groß. Aber: Es sind keine Umsätze in Sicht, der Zeitplan ist nicht nur unklar, er ist sogar unglaubwürdig. Und der Kapitalbedarf ist weiterhin gigantisch. Allein mit Kleinanlegern ist er nicht effizient zu decken. Für große Zuschüsse müssen aber echte Ergebnisse vorgelegt werden. Und das war der Moment, an dem vielen Wettbewerbern die Luft ausging. In diese Phase wird Archer Aviation 2026 kommen.
Archer Aviation ist Startup pur. Ein High-Risk-High-Reward-Play. Für risikofreudige Anleger kann Archer eine spekulative Wette auf die Zukunft urbaner Mobilität sein. Für alle anderen? Erstmal Watchlist statt Buy-Button. Denn die Story ist stark. Aber Beweise müssen jetzt auf den Tisch #