Königreich im Umbau

Warum Saudi-Arabien kein zweites Dubai sein will
Anflug RUH

Foto: Redaktion

Staub liegt in der Luft von Riyadh, aber auch Erwartung. Kräne drehen sich, Visionen werden gegossen. Ein junges Land versucht, seine Zukunft neu zu erfinden. Saudi-Arabien will mehr als Aufmerksamkeit – es will Relevanz. Doch zwischen Anspruch und Wirklich liegt ein weiter Weg. Und die Frage, ob das Königreich wirklich das neue Dubai werden muss, um erfolgreich zu sein. Denn im Nahen Osten fällt dieser Satz inzwischen so oft wie ein Bassdrop auf Repeat: Saudi-Arabien ist das neue Dubai. Manchmal klingt er wie eine Prophezeiung, manchmal wie ein Pitch-Deck-Slogan.

Im Zentrum des ganzen Umbaus steht Mohammed bin Salman. 40 Jahre alt, Kronprinz und Premierminister des Königreichs. Ein Mann, der Saudi-Arabien mit erstaunlicher Geschwindigkeit neu formt – nicht nach westlichem Regelbuch, sondern tief verwurzelt in arabischer Tradition. Er hat eine Idee, wie sein Königreich aussehen soll. Dafür hat er gewachsene Machtzirkel aufgelöst, ist Korruption angegangen, hat den Einfluss radikaler religiöser Strukturen deutlich zurückgedrängt und die bei der Bevölkerung gefürchtete Religionspolizei von einen Tag auf den anderen abgeschafft. Für viele junge Saudis fühlt sich das wie ein Befreiungsschlag an. Und Zahlen geben Rückenwind: Rund 60 Prozent der saudischen Staatsbürger sind unter 30 Jahre alt; Millionen von Menschen, die nach vorne kommen, in die Zunkunft, Teil der Welt sein wollen. Mohammed bin Salman ist für viele von ihnen Projektionsfläche, Hoffnungsträger, ja sogar ein Held – unter dem Titel „MBS“.

Sein Vater, König Salman ibin Abdulaziz, regiert seit rund einem Jahrzehnt und steht im hohen Alter. Den 90jährigen Monarch sieht man heute nur noch selten; bereits geschwächt durch einen Schlaganfall hatte er den saudischen Thron betreten. Ein langes Leben sei ihm von Gott geschenkt. Weltlich betrachtet liegt vor dessen Sohn eine mögliche Regierungszeit, die sich über Jahrzehnte erstrecken könnte; ein halbes Jahrhundert Gestaltungsspielraum sind für den Thronfolger denkbar. Auch das wäre historisch betrachtet ein Geschenk. Mohammed bin Salman weiß das. Wer so viel Zeit hat, denkt nicht in Wahlperioden, sondern in Vermächtnissen.

Der Staat investiert massiv, trotz Rücknahme von The Line

Die Schlagzeilen über Saudi-Arabien sind voll von Superlativen – und ausnahmsweise sind sie nicht übertrieben. Hinter ihnen steckt ein Entwicklungsboom, getragen von sogenannten Giga-Projekten, deren Dimensionen selbst abgebrühte Investoren kurz schlucken lassen. Diese Projekte erzeugen enormen Druck. Wirtschaftlichen. Psychologischen. Symbolischen. Sie saugen Kapital, Marken, Arbeitskräfte an – und verschieben ganz real die wirtschaftliche Achse der arabischen Halbinsel. Weg von Dubai und Abu Dhabi, hin nach Saudi-Arabien. Ja, das ist kein Marketing-Gag. Das passiert gerade – immer noch, trotz der fundamentalen Rücknahme staatlicher Investitionen in Projekte wie kürzlich erst The Line in Neom.

Nach wie investiert der Staat massiv – und schafft Jobs. Junge Saudis verdienen Geld, werden Konsumenten, treiben die Binnennachfrage an. Frauen sind heute doppelt so stark im Arbeitsmarkt vertreten wie noch vor wenigen Jahren. Internationale Marken kommen ins Land. Entertainment, Lifestyle, „Buy now, pay later“ – Saudi-Arabien lernt schnell, wie moderne Konsumgesellschaft funktioniert.

Aber: Dieser Boom ist kein Dauerzustand. Er ist eine Startphase. Ein Sprint vom Nullpunkt aus. Wo vorher nichts war, sieht jedes Wachstum spektakulär aus. Das gilt für den Einzelhandel – und ganz besonders für den Tourismus. Bis vor wenigen Jahren existierte Tourismus im Königreich praktisch nur in religiöser Form. Dann öffnete sich das Land. Seitdem schießen die Besucherzahlen in die Höhe. Logisch. Neue Destinationen wachsen immer schneller als etablierte.

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Als potentielle Layover-Destination wird Saudi-Arabien vom winzigen Dubai (hier im Bild) lernen können, statt Strand und Freiheit wird man aber auf andere Assets setzen, wohl eher auf Kultur, Luxus und Entertainment

Mehr Vision als Vacation

Saudi-Arabien sagt es nicht, doch heimlich schaut es immer mal hinüber ins kleine Dubai. Wie hat man das dort gemacht, wie konnte diese einst nur regional bekannte Hafenstadt so wichtig für den globalen Tourismus werden? Könnte Saudi-Arabien das winzige Emirat in einem Wettbewerb als Urlaubs- oder nur Layover-Hotspot schlagen? In Statistiken und Zahlen: Ja, mittelfristig durchaus. Aber emotional, aus Sicht der Reisenden, wohl eher nein. Was fehlt, ist in Saudi-Arabien die Leichtigkeit, die internationale Liberalität. Diese schwer greifbare Offenheit, die Dubai seit Jahrzehnten kultiviert. Saudi-Arabien inszeniert sich offen und einladend – doch oft bleibt es bei der Inszenierung. Wer versucht, mit offiziellen Stellen in Kontakt zu treten, sogar solchen im Tourismusbereich, stößt normalerweise auf Funkstille. Keine Ansprechpartner. Keine Reaktionen. Teilweise nicht einmal E-Mail-Adressen. In einer vernetzten Welt ist das mehr als nur unpraktisch – es ist ein strukturelles Problem. Wenn es denn nicht genauso gewollt wäre.

Und dann sind da die harten geografischen Fakten. Dubai steht für türkisblaues Wasser, Strände, eine Altstadt und atemberaubende Skyline – alles auf engstem Raum. Perfekt für einen Stopover zwischen Europa und Asien. Riyadh hingegen: eine riesige Metropole mitten in der Wüste. Staubig. Im Sommer brutal heiß. Abends schnell ruhig. Die Stadt ist kein natürlicher Sehnsuchtsort. Auch in zehn Jahren wird sie das nicht sein. Hinzu kommt, viele der historischen Viertel Riyadhs wirken wie neu gebaut und gebügelt, im besten Falle „kuratiert“. Denn auf unbedarfte Reisende wirkt die – durchaus erfreuliche – Besinnung der Saudis auf traditionelle Architektur (siehe diese Story #SaudiMag zum „Salmani Code“) wie ein Themenpark statt Patina. Geschichte, die man noch riechen kann, lässt sich nicht einfach rekonstruieren. Und Reisende merken das.

Aber in seiner Einzigartigkeit liegt vielleicht gerade die Chance. Das Königreich wird kein Ersatz, kein ins Riesige aufgepumpter Klon von Dubai. Es ist etwas Eigenes. Heute noch überall im Rohbau. Aber ambitioniert, vielleicht widersprüchlich. Saudi-Arabien ist ein Land im radikalen Selbstumbau. Wer das versteht, sieht weniger Hype – und mehr Realität. Und die ist, ganz ehrlich, spannend genug #

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