Foto: Saudische Presseagentur SPA
Kaum ein Politiker der Gegenwart polarisiert so stark wie Mohammed bin Salman. Für die einen ist er der Architekt eines neuen Saudi-Arabiens, für die anderen ein Machtpolitiker ohne Geduld für alte Spielregeln. Fest steht: Sein Aufstieg war kein leiser Übergang, sondern ein kalkulierter Umbruch – mit Gewinnern, Verlierern und spürbaren Spannungen im Inneren des Königreichs.
„MBS“ wird der Mann heute oft genannt, von seinem Volk, weil es nach einem Idol klingt, nach einem Superhelden. Von der westlichen Presse, weil sie sich das besser merken kann. Nicht einmal zehn Jahre ist es her, als Mohammed bin Salman die Welt mit einem kurzen Satz überrascht. Kameras klicken, die Welt hört zu. Er sagte diesen einen Satz, der hängen bleibt wie Hitze über der Wüste:

Wir kehren zurück zu einem moderaten Islam – offen für die Welt und für alle Religionen
Mohammed bin Salman, Premierminister Saudi-Arabiens und Kronprinz
Er sagt das ruhig, fast beiläufig. Und doch ist es eine Kampfansage. An Extremismus. An jahrzehntelange Dogmen. An ein Saudi-Arabien, das sich selbst zu lange im eigenen Schatten gehalten hat. Das ist keiner jener PR-Sprüche, von denen es hier mehr gibt als Sand in der Wüste. Es ist eine tektonische Verschiebung. Eine Botschaft an die Jugend und eine Warnung an die Alten. Es ist eine Kampfansage an alle, die vom Stillstand lebten.
Die Gegner, die Mohammed bin Salman sich damit plötzlich schafft, sind weniger politische Widersacher im klassischen Sinne als vielmehr Akteure eines Systems, das durch seinen Reformansatz an Einfluss verlor. Widerstand entstand dort, wo Privilegien, Entscheidungsräume und informelle Machtzentren beschnitten wurden.
Ein Kronprinz gegen die Statik der Geschichte
Was westliche Medien in Unkenntnis monarchischer Traditionen oft nicht recht einordnen, ist das hohe persönliche Risiko, das Mohammed bin Salman mit seinem Reformdruck eingeht. Denn MBS betritt die politische Bühne Saudi-Arabiens nicht als moderater Vermittler, sondern als Beschleuniger. Sein Aufstieg ist kein behutsamer Generationswechsel, sondern eine strategische Neuordnung der Macht.
Saudi-Arabien istjahrzehntelang ein Reich der Kontinuität. Die Macht wandert von Bruder zu Bruder, nicht von Generation zu Generation. Geduld ist wichtiger als Geschwindigkeit. Konsens wichtiger als Vision…Konsens, man kann es auch Balance nennen. Indem der Kronprinz Entscheidungsgewalt zentralisierte, Rivalen entmachtete und alte Netzwerke auflöste, stellte er das jahrzehntelang gepflegte Gleichgewicht innerhalb des Königshauses infrage.
Mohammed bin Salman sprengt dieses System, ganz plötzlich. Mit Ende zwanzig wurde er Verteidigungsminister, Kronprinz und Premierminister mit Mitte dreißig – und faktisch der mächtigste Mann des Landes nach seinem Vater, dem amtierenden König Salman bin Abdulaziz, einem Sohn des Staatsgründers.

König Salman bin Abdulaziz Al Saud (re.), Sohn des ersten saudischen Königs und dessen Sohn,
Kronprinz und Premierminister Mohammed bin Salman
Das Ende der Öl-Lethargie und erdrutschähnliche Umwälzungen
Mohammed bin Salman handelte, weil es sonst keiner tat: Öl-Reichtum ist kein Zukunftsversprechen mehr, sondern ein Countdown. Seine Antwort darauf heißt „Vision 2030“ – ein radikaler Umbauplan für die Wirtschaft, für die Gesellschaft, ja für das Selbstbild des Landes. Und ein Risiko: Für die Monarchie, für den Staat, für ihn selbst. Die erste, weltweit notierte gesellschaftliche Umwälzung in Saudi-Arabien gleicht einem Erdbeben, und es betrifft die Hälfte der saudischen Bevölkerung.
Der Thronfolger integriert die weibliche Bevölkerung in den Arbeitsmarkt – von Assistenzstellen über das Middle Management bis hin zum Top Management stehen alle Positionen offen. Beschränkungen in der Studien- und Berufswahl werden abgeschafft. Die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich – ihre Kraft, ihre Energie, ihre Kreativität sind für den Umbau des Landes unverzichtbar. Auch Verhüllungspflicht, Fahrverbote und Reisebeschränkungen für Frauen schafft der Kronprinz ab – und legt sich dafür mit den konservativen Kreisen im Königreich an. Die Älteren und Konservativen, die hat Mohammed bin Salman ohnehin schon gegen sich aufgebracht:
Denn die berüchtigten „Mutaween“, Sittenwächter der Religionspolizei, die jahrzehntelang ein strenges Regiment in jedem Winkel Saudi-Arabiens geführt hat, setzt der Thronfolger von einem Tag auf den anderen in ihren Befugnissen weit zurück…ein Move, den der ehemalige König Abdullah bereits versuchte, aber nur ansatzweise umsetzte. Nun war alles anders: War bis gestern jeder Mutawa-Mann gewöhnt, daß er mit seiner religiösen Autorität jedem Schutzpolizisten Angst machen konnte, war das plötzlich vorbei. Die Mutaween durften nur noch gemeinsam mit der normalen Polizei auf Streife gehen – zwei Schritte hinter den Schutzpolizisten.
Dies war mehr als Symbol, es war der Beweis für die Rückkehr zu einem moderaten Islam, denn die weltliche Ordnung erhielt jetzt mehr Gewicht als die sittlichen Gesetze. Bis vor ein paar Jahren war die Religionspolizei mächtig und allgegenwärtig. Es war nicht schwer, einen Mutaween beim Streifengang dabei zu beobachten, wie er im Minutentakt Anlass für Zurechtweisung fand: Mal war eine Abaya nicht ausladend genug geschnitten, um die Körperform einer Passantin ausreichend zu verhüllen. Mal nahm ein Restaurant die Geschlechtertrennung nicht genau genug, mal war der Vorhang am Schaufenster eines Beauty-Salons nicht korrekt zugezogen. Mal wurde noch am Handy telefoniert, obwohl der Gebetsruf schon zu hören war, ein Geschäft wurde zur Gebetszeit nicht schnell genug geschlossen oder es wurde noch eine Wassergalone ausgeladen.
Die Mutaween haben viele Musikinstrumente zerschlagen, haben Haare geschoren, Bücher verbrannt und DVDs zerschnitten. All das: nicht nur abgeschafft. Verboten. Was für die Konservativen ein Dammbruch war, war für die Bevölkerung ein Aufatmen nach Jahrzehnten der Drangsalierung. Der Kronprinz machte sich mächtige Gegner bei alten Familien und bei der religiösen Elite…aber er gewann das Volk, vor allem die jüngere Generation. Und damit mehr als die Hälfte der rund 34 Millionen Einwohner Saudi-Arabiens.
Zeitgleich legte die Vision 2030 Förderprogramm für die Privatwirtschaft auf, modernisierte das Bildungssystem und führte ganz neue, wirtschaftsnahe Studiengänge ein. Junge Saudis können heute Modedesign, Filmemachen, Entertainment-Management oder E-Sports studieren – an Universitäten nach westlichem Vorbild, ohne Geschlechtertrennung, ohne Schleiergebot. Der Umbau einer Gesellschaft beginnt bei den Menschen. Wo man heute noch Lehrkräfte aus dem Ausland importieren muss, sollen schon morgen die besten Professor:innen aus Saudi-Arabien kommen.

Ich fürchte, dass ich sterben werde, ohne meine Ziele erreicht zu haben. Das Leben ist zu kurz, und so vieles kann passieren. Ich möchte das alles unbedingt mit eigenen Augen sehen – deshalb beeile ich mich
Mohammed bin Salman, Premierminister Saudi-Arabiens und Kronprinz
Mohammed bin Salman’s Vision bedeutet auch mehr Tourismus statt Abschottung, denn das Königreich öffnet sich nicht nur intern und inhaltlich, sondern auch ganz konkret und wörtlich. Statt Pilgerreisen auf festgelegten Pfaden steht das Land plötzlich für jeden Touristen offen – Visa können ganz einfach online bestellt werden.
Der Kronprinz ist, so hat er einmal gesagt, selbst ein begeisterter Computerspieler. Wie viel Zeit ihm heute noch fürs Zocken bleibt, das weiß man nicht. Und auch nicht, unter welchem Avatar er sich womöglich gerne mal Online in ein Game einklinkt. Fakt ist, mit MBS gab es mit einem Mal Entertainment statt religiöser Kontrolle. Kinos wurden erlaubt, TV-Sender durften ihre Programme modernisieren, Musik und Musik-Events waren möglich und E-Sport wurde ein sehr, sehr großes Ding im Königreich.
In der Gunst der saudischen Frauen und der Jugend überhaupt, stieg der Thronfolger vom eher faktischen Status eines Prinzen raketenschnell zum bewunderten Möglichmacher und emotionalen Idol auf. Für Investoren wurde er der neue Dealmaker. Und für Traditionalisten? Genau, für die wurde er ein Problem…
Der Mann im Weg: Mohammed bin Nayif
Während Mohammed bin Salman noch als Vize-Kronprinz und damit Zweiter der Thronfolge das Rampenlicht sucht und für seine Ideen für ein neues Königreich wirbt, spielt sein größter Konkurrent schon lange auf der politischen Weltbühne: Mohammed bin Nayif, der damalige Kronprinz. Ende Fünfzig, gilt als starter Partner westlicher Geheimdienste, als Innenminister ist er der Architekt des saudischen Anti-Terror-Systems gegen religiösen Fanatismus und Al-Qaida. Er ist kompromisslos, effizient, bei Fundamentalisten gefürchtet. Für viele in Washington und London ist er der „verlässliche Mann“ und der „amerikanischste Minister im saudischen Kabinett“ – berechenbar, konservativ, stabil. Doch er steht für das alte Saudi-Arabien: Sicherheit vor Freiheit, Kontrolle vor Experiment. Er ist tief vernetzt im Sicherheitsapparat, eng verbunden mit den religiösen Eliten und genießt großen Respekt bei den älteren Prinzen.
Trotz seiner starken Position sieht Mohammed bin Salman einen günstigen Moment. Er nutzt die Zeichen der Zeit für einen Palast-Putsch, um Bin Naif zu entmachten und aus der Thronfolge zu drängen. Jahrzehntelang funktionierte des Königreich durch Aufteilung der Macht auf mehrere Prinzen, durch Balance statt Konzentration. Eben dieses Prinzip schafft MBS jetzt ab – er konzentriert die Macht bei sich. Das war kein höfischer Wechsel innerhalb von Mitgliedern einer Herrscherdynastie. Das war ein echter Machtkampf. Und er ist nicht vergessen.
Reformer mit eiserner Faust
Der Aufstieg Mohammed bin Salmans war kein geräuschloser Generationswechsel, sondern ein bewusst gesetzter Bruch mit den bisherigen Spielregeln der Macht. Indem der Kronprinz Entscheidungsgewalt bündelte, alte Netzwerke auflöste und langjährige Machtzentren entmachtete, produzierte er zwangsläufig Verlierer – und damit interne Gegner. Seine Rivalen sind weniger politische Oppositionelle als Akteure eines Systems, das er gezielt zurückdrängte.
Mit seinem Griff nach der Macht hat Mohammed bin Salman hat viel riskiert. Er weiß, dass das Königreich dringend den Weg in die Zukunft starten muß, nicht morgen, nicht zögerlich, sondern sofort und umfassend. Und er weiß, dass nicht kleine Änderungen, sondern große Reformen nötig sind. So radikal, dass sie Kontrolle brauchen. Wer so beschleunigt wie er, darf nicht stolpern: Große Pläne müssen schnell erdacht und schnell umgesetzt werden. Reform-Erfolge müssen erkennbar werden – nicht als Medienberichte, sondern im Leben der Bevölkerung.

Wir als saudisches Volk möchten die kommenden Tage genießen und uns darauf konzentrieren, unsere Gesellschaft und uns selbst als Individuen und Familien weiterzuentwickeln, während wir gleichzeitig unsere Religion und unsere Bräuche bewahren
Mohammed bin Salman, Premierminister Saudi-Arabiens und Kronprinz
Zahlreiche Reformen entwickeln Wechselwirkungen mit anderen Reformen…die Arbeitslosigkeit im Land ist hoch, Frauen zusätzlich in den Arbeitsmarkt zu bringen, verbessert die Statistik nicht. Es müssen mehr Arbeitsplätze her als je zuvor – durch mehr Unternehmen, mehr Möglichkeiten, neue Bildungsgänge. Schnell. Es ist unfassbar viel zu tun, doch zu viele Stellen müssen mit Ausländern besetzt werden, weil die Binnen-Expertise noch nicht ausreicht.
Saudi-Arabien erlebt keinen sanften Wandel, sondern einen kontrollierten Umbruch. Und Mohammed bin Salman ist dessen treibende Kraft; der Thronfolger geht aufs Ganze und ist dabei kein Mann für die feinen Schrauben. Er fordert Loyalität ein. Kritiker verschwinden aus der Öffentlichkeit. Nach außen gibt sich der Kronprinz als Modernisierer, nach innen als Hardliner. Der Krieg im Jemen, die Eskalation mit Qatar, der Dauerkonflikt mit Iran – all das zeigt: Mohammed bin Salman glaubt an Stärke, nicht an Zögern. Er will Saudi-Arabien und –womöglich – sein zukünftiges Königreich sicher für die Zukunft machen.
Jugend gegen Vergangenheit. Die Vorbereitung einer Zeitenwende
Die Alten im Königshaus sehen MBS mit Misstrauen. Zu schnell. Zu laut. Zu wenig Respekt vor jahrzehntelangen Allianzen mit religiösen Autoritäten. Sie wissen: Ohne den amtierenden König Salman – ein langes Leben sei dem König geschenkt – wird sich zeigen, wie stabil die neue Ordnung wirklich ist, die König und Thronfolger seit ein paar Jahren implementieren.
Mohammed bin Salman hat eine schicksalhafte Chance. Er kann einmal der König Saudi-Arabiens werden, der das Land in seiner bisherigen Geschichte am längsten regieren könnte, womöglich ein halbes Jahrhundert, so Gott will. Desto mehr Erfolge seine Reformen schon heute liefern, desto besser seine Position.
Mohammed bin Nayif, der gegenwärtig unter Hausarrest in Riyadh steht oder dort sogar in einer Zelle inhaftiert ist – Genaues weiss man nicht – gilt als politisches Vorbild und sogar Hoffnungsträger konservativer Kreise. All jener also, die das Rad lieber anhalten würden. Er ist ein Mann der Rückkehr. Der Prinz der alten Ordnung, der alten Balance. Seine Verbindungen sind stark, sein Netzwerk ist nach wie vor mächtig. Doch es wird schwächer mit jedem Tag.
Aber die Realität ist 2026 ohnehine schon längst eine ganz andere. Draußen, in den Cafés, den modernen Co-Working-Spaces und in den neu eröffneten Kinos, dort sprechen die Saudis bereits eine andere Sprache. Die Menschen im Königreich, sie wollen nicht zurück. Sie wollen vorwärts. Vielleicht verschiebt sich auch in Saudi-Arabien gerade ein Machtzentrum – weg von Palästen und Moscheen, hin zu einer Generation, die sich nicht mehr mit Warten begnügt, bei allen Reformen aber ihren traditionellen Boden nicht vergisst.
Mohammed bin Salman könnte als der Mann in die Geschichte eingehen, der das Königreich in die Zukunft führte. Oder als der Prinz, der eine Öffnung wagte, aber zu viel auf einmal wollte. Vielleicht wird er der Initiator einer Bewegung sein, die größer ist als er selbst. Sicher ist nur: Stillstand ist keine Option mehr. Egal, wer irgendwann den Thron erbt – das Land wird nie wieder so sein wie vorher. Vor MBS #