Foto: Oxagon Entwicklungsgesellschaft
Große Visionen haben in der Region Neom nie gefehlt. Doch wie so oft kommt irgendwann der Punkt, an dem sich entscheidet, was davon tatsächlich trägt. Oxagon ist genau an diesem Punkt angekommen.
Am Roten Meer, dort wo Wind und Sonne im Überfluss vorhanden sind, schreibt Neom gerade still und leise sein Drehbuch um. Auch der Abschnitt Oxagon – einst als visionäre, hypervernetzte Hafenstadt gedacht – wird neu definiert. Wir erinnern uns an die ursprüngliche Idee: Unter der Marke Oxagon sollte eine vollständig automatisierte, kreislauforientierte Hafenstadt entstehen, die Industrie, Logistik und urbane Lebensräume miteinander verschmelzen lässt.
Die neue Realität: Der Fokus verschiebt sich – hin zu dem, was global gerade am dringendsten gebraucht wird. Skalierbare Energie. Planbare Produktion. Exportfähige Lösungen.
Die Neuausrichtung von Oxagon passt nahtlos in die übergeordnete Strategie Saudi-Arabiens. Mit der Vision 2030 will das Königreich seine wirtschaftliche Basis verbreitern und sich von der Abhängigkeit von Öl lösen. Doch anstatt Öl einfach durch erneuerbare Energie zu ersetzen, wird ein neuer Export geschaffen: grüne Energie in molekularer Form.
Das wirkt in den Augen der Welt nun sehr viel weniger avandgardistisch – und macht deshalb vielleicht auch sehr viel weniger Angst. Pötzlich wirkt Oxagon deutlich geerdeter. Aber auch deutlich relevanter. Was zunächst wie ein leiser Strategiewechsel wirkt, ist in Wahrheit ein ziemlich klarer Move: Saudi-Arabien richtet Oxagon neu aus – als industrielles Rückgrat für die Produktion von grünem Wasserstoff. Nicht als Nebenprojekt, sondern als Kern einer global gedachten Energieökonomie.

In NEOM, einem 26.500 km² großen, im Nordwesten Saudi-Arabiens entstehenden Gebiet, entwickeln und testen wir skalierbare Energielösungen für die Welt
Vishal Wanchoo, CEO von Oxagon
Die große Stärke von Neom, und eben nicht der Nachteil, liegt in der Geografie – was hinter all den zahlreichen Architekturrenderings und illustrierten Zukunftsvisionen bislang leicht übersehen werden konnte. Die Region gehört zu den sonnenreichsten der Welt, kombiniert mit stabilen Windverhältnissen entlang der Küste des Roten Meeres. Diese Kombination ist selten – und sie ist Gold wert in einer Welt, die verzweifelt nach sauberer Energie sucht. Statt diese Energie lediglich ins Netz einzuspeisen, denkt man in Oxagon einen Schritt weiter: Strom wird nicht nur erzeugt, sondern direkt in industrielle Prozesse übersetzt. Genau hier setzt grüner Wasserstoff an.
Während viele Industriesektoren relativ einfach mit alternativer Energie befeuert werden können, gibt es Bereiche, die größere Herausforderungen mit sich bringen; etwa der massive und durchlaufende Energiehunger von Stahlwerken oder der Zementproduktion, aber auch die internationale Logistik vor allem mit der Schifffahrt. Diese Sektoren benötigen enorme Energiemengen und haben bislang kaum Alternativen zu fossilen Brennstoffen. Grüner Wasserstoff bietet hier eine der wenigen realistischen Optionen. H2 wird durch Elektrolyse hergestellt, bei der Wasser mithilfe von erneuerbarem Strom in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten wird. Das Ergebnis: ein Energieträger, der bei seiner Nutzung keine CO₂-Emissionen verursacht – vorausgesetzt, die Energiequelle ist sauber.
Saudi-Arabien bleibt Energieexporteur – nur mit einem anderen Produkt
Schaut man sich 2026 in der Wasserstoff-Branche um, so sieht man, dass rund 98 Prozent des weltweit produzierten Wasserstoffs noch aus fossilen Quellen stammt. Mit sauberer Energie geschaffener Wasserstoff ist im globalen Maßstab also noch mehr Theorie als Praxis. Und genau hier setzt man in Saudi-Arabien an: nicht mit Pilotprojekten, sondern mit industrieller Skalierung in Oxagon. Im Zentrum dieser Strategie steht die Anlage der Neom Green Hydrogen Company. Was hier entsteht, ist nicht weniger als ein Blueprint für die Massenproduktion von grünem Wasserstoff.
Mit einer Energieversorgung von bis zu 4 Gigawatt aus Solar- und Windkraft soll die Anlage täglich bis zu 600 Tonnen Wasserstoff produzieren. Das ist eine Größenordnung, die weit über experimentelle Ansätze hinausgeht. Entscheidend ist aber nicht nur die Produktion selbst – sondern die Frage, wie dieser Wasserstoff global verfügbar gemacht wird. Die Antwort liegt in der Umwandlung zu Ammoniak. Dadurch wird der Wasserstoff speicher- und transportfähig – und kann über den Hafen von Oxagon in Neom direkt in internationale Märkte exportiert werden, etwa direkt vom Roten Meer durch den Suezkanal hindurch zum H2-Terminal am Hafen von Rostock (für mehr dazu siehe diesen WEBSITEexternen Link)
In Oxagon sind bis zu 1,2 Millionen Tonnen pro Jahr sind geplant. Mit seiner Lage an einer der wichtigsten Ost-West-Handelsrouten wird Oxagon damit zu einem echten Knotenpunkt: Energie wird produziert, verarbeitet und verschifft – alles an einem Ort. Ein oft unterschätzter Faktor in solchen Projekten ist die Logistik. In Oxagon ist sie integraler Bestandteil des Konzepts.
Der bestehende Hafen von Oxagon ermöglicht nicht nur den späteren Export, sondern hat bereits in der Bauphase eine Schlüsselrolle gespielt. Großkomponenten wie Windturbinen oder Speichersysteme konnten effizient angeliefert werden – ein Detail, das über Tempo und Kosten solcher Projekte entscheidet. Diese Nähe zwischen Produktion und Infrastruktur ist kein Zufall, sondern Teil einer größeren Designlogik: Energie entsteht dort, wo sie gebraucht wird – und verlässt den Ort nur, wenn sie als Produkt einen Mehrwert hat.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte hinter Oxagon. Nicht das spektakuläre Design. Nicht die visionären Renderings. Sondern die Fähigkeit, eine Idee in ein funktionierendes industrielles System zu übersetzen. Die Zukunft wird hier nicht mehr nur entworfen. Sie wird produziert und verschifft. Und genau darin liegt die neue Glaubwürdigkeit von Neom und hier speziell von Oxagon #
