Foto: Lucid Motors
Riyadh richtet seinen Blick fest auf die Straßen von morgen: Eine Allianz aus dem saudischen PIF, Silicon Valley und der Automobilindustrie treibt die urbane Mobilität in eine elektrische Zukunft. Es geht um Robotaxis, fahrerlos und autonom. Aber, was soll das, und wem nützt es?
Mit einer weiteren Investition von 550 Millionen US-Dollar in den US-amerikanischen Elektrofahrzeughersteller Lucid Motors bekräftigt der saudische Public Investment Fund (PIF) in diesen Tagen seinen Anspruch, eine führende Rolle in der globalen Mobilitätswende einnehmen zu wollen. Allerdings muss man wissen, dass Lucid Motors pro Jahr nur um die 15.000 Fahrzeuge absetzt – in einem Preissegement, das knapp unter 100.000 Euro beginnt. Insgesamt hat das Unternehmen bis Ende 2025 nur rund 50.000 Autos gebaut, folgt man Schätzungen der Automobilpresse.
Wenn man die globale Mobilität verändern will, was sich der PIF auf die Fahne schreibt, ist das ein eher überschaubarer Output.
In klaren Zahlen haben die Saudis mittlerweile so viele Milliarden in den kleinen Autobauer gesteckt, dass sich Lucid Motors an sich als saudi-arabisches Unternehmen, und nicht als „US-Autobauer“ bezeichnen müsste. Vor allem auch darum, weil auch die jüngste Kapitalspritze mehr als nur eine finanzielle Unterstützung ist. Sie fällt mit einer erweiterten Partnerschaft zwischen Lucid Group und dem Fahrdienstvermittler Uber zusammen, die erst durch saudisches, finanzielles Engagement möglich wird. Gemeinsam planen die beiden Unternehmen den Aufbau eines globalen Robotaxi-Netzwerks, für das Lucid mindestens 35.000 Fahrzeuge liefern soll, produziert in den beiden Lucidwerken in den USA und in Saudi-Arabien. Das Werk in Jeddah, wir haben berichtet, ist groß dimensioniert, kann aber zurzeit mit seinen Maschinen nur aus den USA angelieferte Karossierien für den heimischen Markt anpassen. Über eigene Pressen oder Produktionsstraßen für den Fahrzeugbau verfügt es nicht – bestimmt stehen diese auf dem Wunschzettel, den Lucid in Saudi-Arabien hinterlegt hat.
Der kommerzielle Einsatz erster Robotaxis aus der Lucid/Uber-Kooperation ist bereits für 2026 in der San Francisco Bay Area vorgesehen – ein symbolträchtiger Auftakt für ein Projekt, das urbane Mobilität neu definieren könnte. Bereits die Markteinführung der klassischen „Taxi“-Aktivitäten von Uber in Saudi-Arabien, weltweit bekannt als System von freien Fahrern mit eigenen Autos, bei denen Uber die Logistik und Abrechnung per App bietet, wurde vom PIF wesentlich kofinanziert.
Für Saudi-Arabien sind die Investitionen in Lucid Motors ein weiterer Baustein seiner wirtschaftlichen Diversifizierung. Der PIF als der größte Anteilseigner von Lucid hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren mit milliardenschweren Finanzierungsrunden vor dem Untergang gerettet – darunter Investitionen von rund einer Milliarde Euro sowie weiteren 1,5 Milliarden im Jahr 2024. Ergänzt wurde dies durch eine aufgeschobene Kreditfazilität in Höhe von 2 Milliarden Euro im Jahr 2025. Diese kontinuierliche Unterstützung verdeutlicht das strategische Ziel des Königreichs, eine eigene Elektrofahrzeugindustrie aufzubauen und technologische Kompetenzen im Land zu verankern.
Im Zentrum der Robotaxi-Partnerschaft steht das SUV-Modell Lucid Gravity, das als erstes Fahrzeug in den autonomen Flotten eingesetzt werden soll. Perspektivisch, also irgendwann, könnte eine neue Mittelklasseplattform folgen, die mit kleineren Batteriepacks, verbesserter Kosteneffizienz und einem Einstiegspreis von unter 50.000 Euro sowohl Privatkunden als auch Flottenbetreiber ansprechen soll. Diese Strategie spiegelt einen Wandel wider: weg von exklusiven Premiumfahrzeugen hin zu skalierbaren Lösungen für den Massenmarkt. Allerdings lauert auch eben dort die größte Konkurrenz; China bietet exakt für das Segment des Massenmarktes um 50.000 Euro eine Handvoll bewährter und qualitativ durchaus überzeugender Marken und Modelle. Die wirtschaftlichen und diplomatischen Verbindungen zwischen dem Königreich und China sind eng, traditionell und erfolgreich.

Wir stärken als Lucid Group unsere Beziehung zu Uber, unsere fortgesetzte Partnerschaft mit dem PIF und die Vorteile, die unsere softwaredefinierten EV-Plattformen für Mobilitätsnetzwerke der nächsten Generation mit sich bringen
Marc Winterhoff, Interims-CEO von Lucid Motors (USA)
Natürlich drängt sich die Frage auf…wenn man schon eine autonome Taxiflotte betreiben möchte, warum baut man dann ein irrsinnig teures Lucid-Fahrzeug für den autonomen Taxi-Betrieb um…anstatt ein günstiges Modell zu nehmen, das speziell als Robotaxi entwickelt wurde, das schon in guten Stückzahlen verfügbar ist und bereits in den USA über die Straßen rollt…zum Beispiel Zoox von Amazon? Liegt es daran, dass man beim PIF bemüht ist, Absatzmärkte zu schaffen für die eigenen Lucid-Autos, um zumindest einigermaßen einen. Output zu generieren? Schon ganz zu Beginn seiner Finanzspritzen, als bei Lucid fast die Lichter ausgingen, erklärte der PIF, dass der saudische Staat jährlich einige Tausend Fahrzeuge für den Behördeneinsatz erwerben würde. Die Bemühungen sind wohl nötig; unter Privatkunden ist die Nachfrage nach den Fahrzeugen man kann sagen „traditionell“ verhalten.

Die saudi-arabische Staatskasse wird es jedenfalls freuen, dass auch Uber noch einmal finanzielles Engagement zeigt. Rund 200 Millionen Euro hat das Unternehmen für den Aufbau einer autonomen Fahrzeugflotte auf Lucid-Basis zugesagt, womit sich dessen Gesamtinvestition auf 500 Millionen Euro erhöhen. In Zusammenarbeit mit Nuro, einem Spezialisten für autonome Fahrtechnologie, der u.a. von Uber und Google finanziert wird, soll ein integriertes Mobilitäts-System entstehen, das die Grundlage für einen weltweit führenden Robotaxi-Dienst bilden könnte. Uber bezeichnet diese Vision als „entscheidender Schritt, um die eigene Position in der autonomen Mobilität zu festigen und gleichzeitig die Betriebskosten durch skalierbare Fahrzeugplattformen zu senken“.
Technologie-Begeisterung kontra gesellchaftliche Entwicklung
Was sich bei Uber so innovativ liest, geht auf Kosten der Menschen – denn bei den erwähnten Betriebskosten, die man mit seinem Robotaxis senken möchte – die verursachen wohl vor allem die Fahrer und Fahrerinnen. Wir in der #SaudiMag-Redaktion finden das ziemlich pikant. Denn wir erinnern uns gut, wie Uber durch seinen Markt-Einstieg in Saudi-Arabien nur positive Effekte ins Königreich hineinbrachte. Denn es wurden zum einen dringend benötigte Arbeitsplätze mit einem unkomplizierten Zugang als Uber-Fahrer geschaffen, zum anderen bot Uber auch gerade Frauen die Möglichkeit, eigenes Geld mit einem eigenen Business als Fahrerin zu verdienen. Bedenkt man also diese positiven Effekte auf den Arbeitsmarkt und auf die gesellschaftliche Entwicklung in Saudi-Arabien, mögen Robo-Taxis in den USA eine herausragende Idee sein…im Königreich hingegen aber ein weit weniger erstrebenswertes Konzept, dem man schwer Positives abgewinnen kann. Zumindest, solang man nicht Uber ist und seinen Profit durch Kostensenkung erhöht, siehe oben.
Natürlich steht die Partnerschaft zwischen dem PIF, Lucid und Uber exemplarisch für einen breiteren geopolitischen Wandel. Während viele Länder ihre Energie- und Mobilitätsstrategien neu ausrichten, positioniert sich Saudi-Arabien als aktiver Gestalter dieser Transformation.
Die Zukunft der Mobilität ist elektrisch und global vernetzt – ob sie aber auch autonom sein muss, und wem das letztendlich nützt – außer den Bilanzen der Transportunternehmen – steht auf einem anderen Blatt. Offensichtlich ist man in Riyadh entschlossen, beim Mobilitätswandel nicht nur mitzuspielen, sondern den Takt vorzugeben. Das ist wunderbar und legitim, solange durch saudische Investments in autonome Technologien nur Arbeitsplätze im Ausland verloren gehen, und der PIF dadurch Einnahmen generieren kann, welche die eigene Binnenwirtschaft stärken. Wenn dadurch aber niedrigschwellige Arbeitsplätze im Königreich wegfallen, ist das Konzept kontraproduktiv. Dann sollte man sehr schnell und ernsthaft darüber diskutieren, ob man Robotaxis überhaupt haben will, welchen Vorteil sie den Fahrgästen bieten, und ob sie gesellschaftlich nicht mehr schaden als helfen #