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Wasserstoff statt Wüstensand

NEOMs Kraftwerk für den Weltmarkt

Foto: NEOM-Entwicklungsgesellschaft

Saudi-Arabien sitzt auf gigantischen Ölvorkommen. Sie sind so unvorstellbar groß, das der Staat noch viele Jahrzehnte, vielleicht sogar noch 200 Jahre Rohöl liefern könnte – schreibt man den gegenwärtigen weltweiten Bedarf weiter.

Dennoch baut das Königreich schon heute seine Wirtschaft um, weg vom Öl – hin zu alternativen Geschäftsfeldern. Man schaut voraus und bereitet sich vor auf womöglich anhaltend sinkende Rohölpreise, die den Staatshaushalt in den letzten Jahren belastet haben. Die Zukunft riecht nicht nach Öl; sie besteht aus Wind und Sonne – wovon es in Saudi-Arabien mehr als genug gibt – und die Zukunft will H₂, sie will Wasserstoff.

Oxagon – wichtigster Hoffnungsträger der Region „NEOM“

In der hintersten Ecke des Landes, mit Blick übers Rote Meer nach Ägypten und zwei staubige Autostunden von Jordanien entfernt, wächst seit fünf Jahren der Industriehub Oxagon als Teilprojekt der riesigen Entwicklungs-Region NEOM. Andere Teilprojekte, etwa The Line oder Trojena, wurden vor wenigen Wochen von der Regierung mehr oder weniger auf Eis gelegt – sagen wir es einmal so. Während man sich also Gedanken über eine Neuausrichtung anderer Projekte macht, setzt das Königreich in Oxagon zu einem großen Move an. Oxagon wird erkennbar immer stärker synonym mit dem „NEOM Green Hydrogen Project“. Es ist eines der ambitioniertesten Wasserstoff-Werke der Welt: Jetzt, Anfang 2026 ist der Produktionskomplex zu rund 80 Prozent fertiggestellt. Ein Meilenstein – nicht nur für das Königreich, sondern für die globale Energiewende.

Wind Garden

Windpark in Oxagon zur Versorgung der Wasserstoff-Produktion mit nachhaltiger Energie

Mit vier Gigawatt erneuerbarer Energie aus Wind- und Solarkraft sollen hier in weniger als zwei Jahren täglich bis zu 600 Tonnen grüner Wasserstoff produziert werden, bereit für den Export in alle Welt. Die Distribution in alle Welt wird ein Joint Venture mit der US-Firma Air Products übernehmen, die den Wasserstoff, gebunden als grünes Ammoniak, an Terminals in Rotterdam (NL), Immingham (UK) und auch in Rostock oder/und Hamburg anliefern wird.

Offensichtlich denkt man in Saudi-Arabien das Thema Energie längst neu. Der Staat will bis Ende des Jahrzehnts 50 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen produzieren und sieht Wasserstoff als Schlüsseltechnologie der Diversifizierung. Das Ziel: jährlich vier Millionen Tonnen sauberen Wasserstoff zu produzieren und gleichzeitig über 27 Millionen Tonnen CO₂ einzufangen.

Wesam Y. Alghamdi

Ab 2027 werden wir die kommerzielle Produktion aufnehmen. Das Hydrogen-Projekt ist eine der wichtigsten Säulen der Energiewende im Königreich, auch mit dem Ziel der lokalen Dekarbonisierung und Klimaneutralität

Das NEOM-Projekt allein ist mit 8,4 Milliarden US-Dollar finanziert – davon 6,1 Milliarden US-Dollar als Darlehen von 23 internationalen Banken. Doch mindestens genauso wichtig sind die Partnerschaften: TotalEnergies, Edison, Zhero Europe. Dazu Kooperationen mit Südkorea, Indien, Ägypten und den USA. Die Zusammenarbeit ist längst operativ. Saudi-Arabien hat bereits erste kommerzielle Lieferungen von grünem Ammoniak nach Korea verschifft. Exportterminals für Europa und Asien sind im Bau. Die Wasserstoff-Highway-Vision nimmt Form an; in Deutschland wird der Hafen Rostock zum lokalen Hub.

Neben NEOM entsteht mit dem Yanbu Green Hydrogen Hub ein weiterer Knotenpunkt der neuen Energie-Architektur: inklusive eigener erneuerbarer Stromerzeugung, Entsalzungsanlagen und Exportterminals. ACWA Power liefert das Rückgrat – mit 15 GW neuer Solar- und Windkapazität, verteilt auf sieben Projekte. Das Ziel: industrielle Skalierung zu Preisen, mit denen kaum ein anderer Standort mithalten kann.

Günstiger, schneller, global

Während viele Länder noch kalkulieren, liefert Saudi-Arabien schon Preise: 2,16 US-Doller pro Kilogramm für sauberen, grünen Wasserstoff, 1,13 US-Doller für blauen Wasserstoff. Jener wird aus Gas gewonnen, eine Brückentechnologie mit C0₂-Speicherung („CCS“). Diese Preise sind günstig – und nur möglich durch perfekte natürliche Bedingungen, die bestehende Energieinfrastruktur und Finanzierungskosten, die rund 200 Basispunkte unter europäischen Niveaus liegen. Kein Wunder also, dass sich Saudi-Arabien als globaler Versorger positioniert. Deutschland allerdings wird 2027 seine erste Wasserstoff-Lieferung voraussichtlich nicht aus Saudi-Arabien, sondern aus Ägypten beziehen – zu einem weit höheren Einkaufspreis, Kosten der Entwicklungshilfe nicht eingerechnet. Politik und Ideologie schlagen Ökonomie, sozusagen.

Lvl

Die Regierung drückt aufs Gaspedal, und die Strategie ist durchschaubar: Man konzentriert sich jetzt auf die Visionen, die kurzfristig frisches Geld aus dem Ausland versprechen. Und man stellt alle Projekte zurück, bei denen der Return-on-Investment weniger vorausschaubar ist

Unverkennbar ist schon jetzt, dass der Wasserstoff-Markt ein Anbietermarkt sein wird – desto sauberer, desto stärker. Der Bedarf ist größer als das Angebot. Branchen wie Stahl, Schifffahrt und Schwerlastverkehr stehen vor dem Umstieg – und werden genau das nachfragen, was global gerade entsteht: zuverlässige, skalierbare Wasserstoff-Lieferketten. Das Rennen der Nachfrager um die besten Versorgungsverträge und die beste Logistik hat längst begonnen.

Der globale Wasserstoffmarkt könnte bis 2030 um die 600 Milliarden, bis 2050 sogar 700 Milliarden US-Dollar erreichen. Diese Zahlen sind enorm – richtig enorm. Wasserstoff soll mittelfristig, Stichtag in zehn Jahren, ein Drittel des heutigen Ölbedarfs ersetzen und rund 10 Prozent des weltweiten Energiemix‘ stellen. Saudi-Arabien will nicht nur mitspielen, sondern aktiv mitgestalten: 1,2 Millionen Tonnen grüner Wasserstoff pro Jahr, kurtfristig bis 2030. Dank strategischer Lage an den wichtigsten Handelsrouten ist der Weg nach Nordeuropa, Japan oder Singapur kurz – zumindest in Logistik-Dimensionen gedacht.


Imagevideo – mit einigen schönen Luftaufnahmen von der Baustelle

Der Individualverkehr wird vom neuen Kraftstoff übrigens wenig profitieren – ein PKW verbraucht auf 100 Kilometer rund ein Kilogramm Wasserstoff, der an der Tankstelle heute 10 bis 15 Euro kostet. Das ist ein H₂-Preis, der selbst bei Erhöhung von Angebot und Nachfrage nie auf das gegenwärtige Preisniveau von Benzin sinken wird.

Die Einschätzung von #SaudiMag

Das Königreich konzentriert sich jetzt auf die Visionen, die eine gute Chance auf ausländischen Cash-Flow versprechen. Die Produktion und der Handel mit Kraftstoff – in welcher Form auch immer – ist eine traditioneller Basiskompetenz des Staates. Deshalb ist Saudi-Arabiens Wasserstoffstrategie weniger Greenwashing; sie ist Geopolitik, Industriepolitik und Zukunftsökonomie in einem – vorausschauend und nachhaltig. Wegen des hohen Bedarfs an grünem Strom ist die Herstellung in den deutschsprachigen Ländern nicht wirtschaftlich möglich, insbesondere nicht im schon heute unter-powerten Deutschland. Wo andere Staaten noch diskutieren und planen, haben die Entscheider auf der Arabischen Halbinsel schon die Weichen auf Zukunft gestellt #

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