Foto: Lamar Mufti (Instagram)

Lamar Mufti ist die einzige Frau, die innerhalb der International Surfing Association (ISA) einen Hidschab trägt. Sie hat bewiesen, dass dieser kein Hindernis dafür ist, auf der Weltbühne Spitzenleistungen zu erbringen
Die ersten Geräusche des Morgens sind nicht hupende Autos, krähende Hähne oder die Wellen des Meeres…sondern das Kratzen von Wachs auf Fiberglas. Am Roten Meer entsteht gerade etwas, das lange unmöglich schien: Saudi-Arabiens erste Surfkultur, getragen auch von Frauen. Sie paddeln hinaus, bevor der Rest der Welt überhaupt hinsieht.
An der Küste von Saudi-Arabien wirkt dieser Moment fast surreal: Noch bevor die Sonne über dem Roten Meer ganz aufgegangen ist, stehen sie bereits am Strand. Eine kleine Gruppe saudischer Surferinnen, die sich in einer beinahe meditativen Choreografie um ihre Boards bewegt. Eine zieht die Leash fest, eine andere schüttelt Sand aus den Finnen, irgendwo klickt ein Verschluss. Dann richten sie sich auf, nehmen ihre Bretter unter den Arm und laufen auf das Wasser zu. Surfen in Saudi-Arabien !? Das Rote Meer ist nicht Kalifornien. Nicht Bali. Nicht Jeffreys Bay. Das Wasser liegt hier meist glatt wie geschmolzenes Glas, ruhig genug für Taucher, Segler und Fischerboote. Die Art von unruhigen, rollenden Dünungen, aus denen anderswo Surfkulturen entstehen, erscheint nur selten am Horizont.
Und doch: Hier wächst gerade eine der faszinierendsten neuen Surfbewegungen der Welt !
Im Arabischen gibt es ein Wort für das Surfen — rakmaja — aber kaum jemand kennt es. So haben viele der saudischen Surferinnen ihren Sport weit entfernt von ihrer Heimat gefunden. In den warmen Breaks Sri Lankas. In Marokkos Atlantikbrandung. Auf den Philippinen oder in künstlichen Wellenbecken Europas. Dort lernten sie nicht nur das Surfen selbst, sondern auch alles, was dazugehört: die stille Etikette im Line-up, die Sprache der Dawn Patrols, die eigenartige Mischung aus Freiheit, Ritual und Gemeinschaft, die den Sport seit Jahrzehnten prägt.
Interessant ist, das in Saudi-Arabien die Entwicklung des Surf-Sports andersherum verlief… hier kam zuerst die Kultur, danach erst kamen die Wellen. Das Königreich besitzt fast 2.000 Kilometer Küstenlinie, doch nur wenige Abschnitte erzeugen konstant surfbare Wellen. Jahrzehntelang verhinderte die Geografie, dass hier organisch eine Surfkultur entstehen konnte. Mit künstlichen Surf-Lagunen entstehen derzeit Orte, an denen perfekte Wellen nicht mehr vom Wetter abhängen: Kontrollierte Swells rollen dort im Minutentakt über Betonriffe — gebaut für eine Generation, die ihre Surfkultur praktisch aus dem Nichts erschafft. „Die Surf-Kultur war immer schon da, sie hat nur auf die richtige Infrastruktur gewartet“ sagt Nouf bint Hamad Al Nasser vom saudischen Surfverband, der vom Olympischen Komitee unterstützt wird.

Ich repräsentiere nicht nur mich selbst, ich repräsentiere ein muslimisches Land, Kultur und Religion. Die Menschen sind neugierig. Sie wollen sehen, wie eine saudische Frau mit Hijab surft
Lamar Mufti, Surferin im Saudischen Surfverband
Surfen war nie bloß eine Sportdisziplin, immer ist es auch ein Lebensgefühl, transportiert durch Filme, Musik, Fotografie und Mode. Ein kultureller Code, der um die Welt reist wie salzige Luft. Am Roten Meer bekommt dieser Code plötzlich einen neuen Dialekt. Die wenigen saudischen Surfer, die wenigen Surferinnen, sie fanden sich gegenseitig. Aus losen Begegnungen wurde eine Szene. Aus einer Szene entstand ein Team – genauer gesagt, die erste nationalen Surfmannschaft des Königreichs. Eine Frauengruppe. Die Werte dahinter, sagen die Surferinnen, seien eigentlich längst vertraut: Gastfreundschaft. Gemeinschaft. Offenheit. Nur findet all das jetzt einen neuen Ausdruck — draußen auf dem Wasser.
Aber, die eigentliche Dynamik entsteht nicht in den Masterplänen. Sie entsteht in den Menschen selbst. Und Surfkultur beginnt mit wenigen Menschen, die hinauspaddeln, bevor der Rest der Welt überhaupt hinsieht. Wie für die saudi-arabische Surferin Lamar Mufti, die mittlerweile zu Surf-Events und Wettkämpfen durch die Welt reist.
Als einzige Hijabi-Surferin bei internationalen Wettbewerben zieht Lamar die Aufmerksamkeit auf sich, noch bevor sie die erste Welle nimmt. Auf ihrer Instagram-Seite erzählt sie INSTAGRAM von ihrem Leben, das ein Leben ist zwischen Tradition, Glaube und Lebensfreude. Und sie bewirkt etwas. Denn die westliche Welt wird neugierig auf die exotische Hijab-Sportlerin, sie erfahren, dass Tradition und Moderne, Sport und Glaube sich nicht ausschließen müssen. Lamar inspiriert arabische Mädchen im ganzen Nahen Osten, Eltern erlauben ihren Töchtern Wassersport, nachdem sie Mufti im Wettkampf gesehen haben. Für viele wird Surfen dadurch überhaupt erst vorstellbar.
Saudi-Arabien investiert viel Geld in den Breitensport; die Regierung möchte den Anteil der Couchpotatoes unter den Einwohnern mit spannenden Sportangeboten reduzieren, wirbt für einen gesunden Lebenswandel. Damit wird das Surfen plötzlich Teil einer viel größeren Erzählung: Vision 2030, gesellschaftlicher Wandel und die Öffnung des Landes gegenüber neuen Lebensstilen.
Am Roten Meer hebt sich langsam eine kleine Dünung aus dem Wasser. Die Surferinnen drehen ihre Boards Richtung Horizont. Für einen kurzen Moment scheint alles stillzustehen. Dann beginnen sie zu paddeln. Es entsteht etwas Neues, wieder mal. Das von Saudi-Arabien ausstrahlen wird in die Arabische Welt #
