Foto: Saudi Aramco
Lange bevor Drohnen, Satellitenbilder oder seismische Hightech-Geräte existierten, navigierte Khamis bin Rimthan durch eines der härtesten Terrains der Welt: die saudische Wüste. Und genau dieser Instinkt machte ihn zu einer Schlüsselfigur einer Entdeckung, die Saudi-Arabien – und die globale Energiegeschichte – für immer verändern sollte.
Als die Sonne über der Ostprovinz Saudi-Arabiens aufstieg und die Dünen in Kupfer und Gold tauchte, las Rimthan die Landschaft wie andere in einem Buch. Eine leichte Verfärbung des Sandes. Der Winkel einer Düne. Ein Dornbusch, der dort wuchs, wo er eigentlich nicht wachsen sollte. Für ihn waren es keine Zufälle – es waren Hinweise. Wo andere nur endlose Leere sahen, erkannte Rimthan Muster, Wege und Geschichten. Jeder Hügel hatte Bedeutung, jedes Tal einen Namen, jeder Brunnen eine Vergangenheit. Die Wüste war für ihn kein Hindernis – sie war Heimat.
Geboren Anfang des 20. Jahrhunderts in der saudischen Ostprovinz, gehörte Rimthan zum Stamm der Ajman – einer Gemeinschaft, deren Wissen tief in der Wüste verwurzelt war. Navigation war für ihn kein erlerntes Handwerk, sondern Teil seiner Identität. Sterne ersetzten Kompasse. Sand ersetzte Karten. Erinnerung ersetzte Markierungen. In den 1930er Jahren hatte sich sein Ruf weit über die Region hinaus verbreitet. Wenn Expeditionen in die Wüste und Einöde der Halbinsel aufbrachen, fiel sein Name immer wieder. Als die California Arabian Standard Oil Company (CASOC) – die spätere Aramco – ihre ersten Erkundungen startete, war klar: Ohne Rimthan würde man sich in diesem Meer aus Sand und Geröll verlieren.


Oben: Khamis bin Rimthan bei der Kartographierung seiner Heimat, darunter: Kamel-Katawane auf der Suche nach Ölvorkommen, Mitte der 1930er Jahre
Khamis bin Rimthan erinnerte sich an einen Busch, den er Jahre zuvor passiert hatte. An einen Brunnen, von dem er einmal gehört hatte. Die Wüste war in seinem Gedächtnis gespeichert – detailgetreu, lebendig, abrufbar. 1934 trat Rimthan offiziell den Erkundungsteams bei. Was folgte, war eine außergewöhnliche Partnerschaft zwischen traditionellem Wüstenwissen und moderner Geologie.
Besonders prägend war seine Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Chefgeologen Max Steineke #Saudimag. Während Steineke Messgeräte, Karten und Theorien nutzte, verließ sich Rimthan auf sein Gespür. Wissenschaft traf Intuition. Technologie traf Erfahrung.
Und es funktionierte.
Max Steineke beschrieb Rimthans Fähigkeiten einmal treffend und fast ehrfürchtig: „
Er nutzte keine Karten und wußte trotzdem immer, wo wir waren…Richtung? Entfernung? Kein Zögern. Seine Schätzungen lagen oft erschreckend genau. Einmal schätzte er die Entfernung nach Dhahran auf 500 Meilen – und er lag fast punktgenau richtig. Kein Taschenrechner. Kein Messgerät. Nur Instinkt. Selbst nachts, bei Sandstürmen oder extremer Hitze verlor er nie die Orientierung.“

Max Steineke, Chef-Geologe von Saudi Aramco, auf der Suche nach Spuren, die auf Ölvorkommen hindeuten (Anfang der 1930er Jahre)
Der spätere Aramco-Präsident Tom Barger nannte ihn schlicht „The guide of the guides.“ Denn für die Geologen war Rimthan mehr als ein Lotse. Er war Übersetzer, Vermittler, Vertrauensperson. Er schlug Brücken zwischen amerikanischen Forschern und lokalen Gemeinschaften, sorgte für Respekt, Verständnis – und Sicherheit. Als Fahrzeuge in den 1940er Jahren knapp wurden und der Krieg die Logistik erschwerte, organisierte er Kamelkarawanen aus 75 bis 500 Tieren mit ihren Treibern, um Bohrmaterial durch die Wüste zu transportieren: Zement, Bohrschlamm, Schmieröl. Die Beduinen tauften die spontane Logistikoperation scherzhaft „Khamis Transportation Company“ – Wüstenhumor inklusive.
Was als pragmatische Lösung begann, wurde zur Legende. Denn am 4. März 1938 war es so weit: Die Bohrung „Dammam No. 7“ förderte erstmals Öl #Saudimag in kommerziellen Mengen. Und das sollte die nächsten vier Jahrzehnte so bleiben. Es war der Anfang von allem.
Rimthans Wissen hatte die Teams zur richtigen Zeit an den richtigen Ort geführt. Später trug seine Arbeit auch zur Erschließung des Ghawar-Feldes bei – bis heute das größte konventionelle Ölfeld der Welt. Khamis bin Rimthan starb 1959 im Alter von nur 50 Jahren an einem Krebsleiden, nur ein paar Jahre nach dem Tod von Max Steineke. Doch sein Vermächtnis lebt weiter. 1974 wurde ein Ölfeld nach ihm benannt – das Rimthan-Ölfeld, später ein riesiges Tankschiff. Stille, aber kraftvolle Ehrungen und Beweise seiner Unvergessenheit.
Das Fazit von #SaudiMag
Heute, in einer Zeit von KI, Satelliten und Supercomputern, erinnert Khamis bin Rimthan’s Geschichte daran, dass große Entdeckungen nicht nur aus Technologie entstehen. Sondern aus Vertrauen. Respekt. Erfahrung. Und dem Mut, auf Menschen zu hören, die das Land wirklich kennen. Er war kein studierter Wissenschaftler wie Max Steineke, sondern ein intelligenter Sohn der Wüste. Ohne ihn hätte der Wissenschaftler den Weg nicht gefunden. Ohne den Wissenschaftler hätte Khamis Weg ins Nichts geführt. Die Idee von Wertschätzung und Gemeinsamkeit, symbolisiert durch zwei Männer mit ganz unterschiedlichem Background, hat ein ganzes Land verändert #

Khamis bin Rimthan im Kreise amerikanischer Geologen, Mitte der 1930er Jahre