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Auf dem Weg der Beduinen

Roadtrip von Riyadh in die Vergangenheit

Foto: Saudisches Tourismusamt, Adobe Stock

Gerade einmal zweieinhalb Stunden im Mietwagen trennen die überhitzte Hauptstadt Riyadh vom ursprünglichen Nadschd, einer Oasenregion rund 200 km entfernt. Hat man erst einmal die großen Hauptstraßen von Riyadh verlassen mit all ihren Kreuzungen, Ampeln, Überführungen und Blechlawinen, kann man schon auf gut asphaltierter Überlandstraße entspannt mit 100 km/h dahin cruisen. Auf dem Handy durchgehend G5-Internet mit verlässlicher Routenplanung via Googlemaps. Und im Radio der authentische Soundtrack für das eigene, überschaubare Abenteuer: arabische Volksmusik, die oft von verschmähter Liebe klagt, Filippino-Pop über schmerzende Herzen, zahlreiche Variationen arabischer Koranlektionen oder auch saudische Housebeats auf dem neuen Sender “SR FM – The Heart Of KSA”.

So eine Überlandfahrt auf eigene Faust hat immer etwas von einem Abenteuer, erweitert man doch seine eigene Weltkarte um ein paar Kilometer, kann man sich als Reisender und Entdecker fühlen, nicht als Tourist. Die Herausforderungen sind überschaubar. Saudi-Arabien ist ein freundliches Land, die Straßen sind gut und an den Fahrstil der Einheimischen gewöhnt man sich schnell, insbesondere wenn man nicht in der Großstadt, sondern auf den Landstraßen unterwegs ist.

Auch Tankstellen sind auf dem Weg zahlreich, der Spritpreis ist mit irgend etwas um die 60 Cent pro Liter erfreulich und der Service ist gut. Zum Tanken bleibt man im Auto sitzen, lässt Motor und Klimaanlage laufen und erwartet das Servicepersonal. Die meisten Mietautos haben irgendwo einen Knopf, mit dem man die Einfüllklappe von innen öffnen kann. Jeder Zapfer versteht soviel Englisch, dass man ihm sagen kann, dass er volltanken soll. Bezahlt wird am Autofenster in cash oder mit Kreditkarte, am besten Master oder Visa. Gerne darf man dem oft ölverschmierten Mitarbeiter noch 2 Real Trinkgeld in die Hand drücken. Shukran, ma’hasalama – Danke und auf Wiedersehen.

Oft sind den Tankstellen übrigens kleine Supermärkte, Kaffeeläden oder sogar Restaurants angeschlossen. Eiskalte Softdrinks, saudische Süßigkeiten oder ein Becher Pistachio-Latte von der Filiale eines international bekannten Milchaufschäumers sind der authentische Reiseproviant für ein saudi-gemäße Überlandfahrt. Weiter gehts über die Landstraße, durch karges Land hindurch und durch kleine Dörfer, die nur aus einer Reihe von Gebäuden zu bestehen scheinen, die sich rechts und links an der Straße aufreihen. Hier ist es durchaus üblich, dass Menschen und Tiere die Fahrbahn überqueren, also Augen auf. Die Gefahren im Straßenverkehr sind für Fahrer, die ihren Führerschein in Deutschland, der Schweiz oder Österreich erworben haben, aber überschaubar. So gut war die eigene Fahrschule, dass man die Fahrkünste der weitaus meisten Fahrer hierzulande mühelos übertrifft.

Alle paar Kilometer führt der Weg vorüber an klitzekleinen Moscheen, sozusagen ein Drive-In-Service für die Seele, der meist von der naheliegenden Gemeinde finanziert und unterhalten wird.

Womit man immer rechnen sollte, neben Mensch und Kamel (die “Camel-crossing”-Hinweisschilder wurden nicht grundlos aufgestellt!) auf der Fahrbahn, sind herumliegende Reifenteile. Insbesondere abgefahrene LKW-Reifen sind ein ernstes Hindernis, das man in Europa eher selten sieht. Im Nahen Osten werden Reifen aber viel stärker beansprucht und ein Plattfuß ist normal, oft und üblich. Dann werden die Reifen nicht ersetzt, sondern mit einem Gummistopfen geflickt. Klar, dass nach ein paar Monaten niemand mehr sagen kann, wieviele Stopfen die Reifen am eigenen Auto schon haben. Irgendwann sind Geschwindigkeit, Kurvenkräfte und Hitze des Asphalt zu viel und der oft geflickte Reifen platzt während der Fahrt. Auch Mietwagen haben reparierte Reifen und ein Ersatzrad mit Luft und Werkzeug sollte man an Bord haben. Sich daher mit entspannter Cruise-Geschwindigkeit fortzubewegen und die erlaubte Höchstgeschwindigeit von 100 oder 120 km/h zu akzeptieren, trägt zu einen netten Roadtrip durchaus bei.

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Ein Teil von Ushaiqer, zweieinhalb Autostunden von Riyadh entfernt, ist als alte Beduinenstadt erhalten – größtenteils finden sich in der Altstadt malerische Lehmruinen, dazwischen aber auch geschäftiges Leben

So schön es ist – heute ist der Weg nicht das alleinige Ziel. Denn es soll in das uralte Oasendorf Ushaiqer in der Region Nadschd gehen. Vor 1.500 Jahren ließen sich hier erstmals Beduinen nieder, und Ushaiqer wurde dank seiner Quellen und niedrigen Oliven- und Palmenhaine schnell zu einem beliebten Rastplatz für Beduinen, Handelsreisende und Pilger auf dem Weg nach Mekka. Was der Name des Ortes bedeutet, hat sich im Nebel der Jahrtausende verloren – man nimmt aber an, dass man es als “kleine Blondine” übersetzen könnte. Das würde einen Bezug zu einem hellen Berggipfel in Sichtweite herstellen und klingt ansatzweise plausibel. Aber wer muss es schon so genau wissen…heute jedenfalls gewährt das Ushaiqer Heritage Village einen schönen Einblick in das überschaubare Leben der saudische Gesellschaft der alten Zeit. Weite Teile des Dorfkerns mit seinen alten Lehmmauern sind irgendwann verfallen, als die Bewohner sich neue, zeitgemäße Häuser unweit der Altstadt bauten. Doch immer war der Ort bewohnt und viele der alten Gebäude wurden gepflegt und renoviert. So gibt es nach wie vor eine kleine Gemeinschaft, die hier zuhause ist, die die Schulen, Geschäfte und Moscheen täglich nutzt und die Geschichte des Dörfchens am Leben erhält.

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Ushaiqer ist noch immer von seinen dicken Lehmmauern umgeben. Stellenweise ist es ein Labyrinth aus verwinkelten Gassen, schattigen Wegen und Fachwerkstegen, die zwischen Hunderten von Lehmhäusern verlaufen. Durch die engen Gassen zu schlendern bedeutet, ein lebendiges Museum zu betreten, das mit Spuren der alten Lebensweise übersät ist. Schnell kann man sich vorstellen, wie hier vor einhundert Jahren das Leben ausgesehen haben muss…und dass es sich um 1924 wohl kaum davon unterschieden hat, wie es 924 gewesen sein wird.

Das Dorf ist in Bezirke unterteilt, die von Palmenhainen durchzogen sind. Einige Häuser sind noch bewohnt und wurden von einheimischen Handwerkern wunderschön traditionell renoviert. Mit ihren markanten dreieckigen Fenstern und Dächern sowie kunstvoll geschnitzten Holztüren sind sie ein beeindruckendes Beispiel der Najdi-Architektur. Die meisten Häuser aber sind heute verfallen, da ihre Palmwedeldächer irgendwann eingebrochen sind oder ihre Bedeckung verweht wurde. Es ist erstaunlich zu sehen, dass aber die alten Lehmmauern viele Jahrhunderte überdauert haben. Einige dieser halb-verfallenen Häuser sind frei zugänglich. Steigt man die Treppe hinauf, bietet sich ein schöner Blick über die Oase und die angrenzenden Ackerflächen.

Die Bewohner der Altstadt sind Stolz auf die lange Geschichte ihres Dorfes, und sie freuen sich über jeden Besucher, der den Weg zu ihnen gefunden hat um mehr über Ushaiqer zu erfahren. Verpassen Sie nicht das von den Dorfbewohnern selbst gegründete Al-Salem-Museum mit seiner kleinen Sammlung an Artefakten, darunter kunstvoll bestickte Kleidung, Schmuck und Keramik sowie Waffen und Kochutensilien. Die freundlichen Bewohner erklären gerne ihre Herkunft und erfreuen mit Geschichten über Ushaiqer – und oft sind sie neugierig zu erfahren, wo denn der Reisende herkommt.

Als Abschluß eines Ausflugs nach Ushaiqer bietet sich der Besuch in einem der kleinen Restaurants an, in denen es einfaches, aber gutes Essen gibt – sogar in der Altstadt wird man eines finden, und womöglich ist es sogar gerade geöffnet. Hier ticken die Uhren halt anders – touristisch befindet sich das ganze saudische Königreich noch in der Erschließung, und auf ein verschlafenes Dörfchen wie Ushaiqer trifft das erst recht zu. Daher sind auch die Öffnungszeiten von Restaurants in dieser Gegend nicht immer nachvollziehbar. Eine Prise Entdeckergeist und Abenteuer gehörten halt dazu, wenn man heute durch Saudi reist. Bevor es weitergeht, hoffentlich gestärkt durch ein geöffnetes Restaurant, kann man einen Abstecher auf die naheliegende Bergstraße machen, denn von dort kann man zum Abschied einen schönen Blick auf die Oase werfen. Dann schaltet man das Radio ein, erfreut sich wieder am zufälligen Soundtrack für sein kleines Roadmovie und zurück geht es nach Riyadh – oder noch einmal zwei Autostunden weiter nach Buraydah. Da gibts einen tollen Kamelmarkt (lies einfach hier weiter: #Saudimag) und dort wartet dann auch ein Hotel für die Nacht #

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