Deutschlands Balanceakt in Saudi-Arabien

Grüner Wasserstoff, graue Erwartungen
BMWE/Mertens
(2025/Berlin): BM Katherina Reiche trifft den saudischen Wirtschaftsminister Faisal Bin Fadhil Alibrahim

Foto: BMWE/Mertens, BMWE, SPA

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche ist mit einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation nach Riyadh gereist. Sie will Stärke demonstrieren und hat bei der Flugbereitschaft nicht einen weiß lackierten Diplomaten-Flieger, sondern einen grauen Luftwaffen-Airbus bestellt. Offiziell geht es um Energiepartnerschaft und bilaterale Beziehungen.

Inoffiziell hoffen viele der mitgereisten Unternehmen vor allem auf eines: Aufträge. Für Anlagen, Technologien, Infrastruktur – und idealerweise langfristige Lieferverträge, die Planungssicherheit in einer zunehmend fragilen europäischen Wirtschafts- und Energielandschaft versprechen.

Saudi-Arabien und Deutschland sind längst miteinander verbunden; die wirtschaftliche Bedeutung des Königreichs für Deutschland ist erheblich. Mit einem bilateralen Handelsvolumen von über zehn Milliarden Euro ist Deutschland der wichtigste Wirtschaftspartner Saudi-Arabiens innerhalb der EU. Im Gegenzug sind mehr als 800 deutsche Unternehmen in dem Land aktiv, und haben bereits rund 40.000 Arbeitsplätze geschäffen – so die aktuellen Zahlen aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Katherina reiche

Saudi-Arabien ist für Deutschland ein strategischer Partner – wirtschaftlich, energiepolitisch und technologisch. Die Zusammenarbeit stärkt unsere Energiesicherheit, unsere wirtschaftliche Resilienz und die technologische Wettbewerbsfähigkeit

Auf saudischer Seite ist die Perspektive eine andere. Denn das Königreich lädt nicht zur Roadshow, um Einkaufslisten abzuarbeiten. Saudi-Arabien sucht Kapital, Beteiligungen und Investitionspartner, die bereit sind, sich finanziell und strategisch an Projekten im Land zu engagieren. Der Fokus liegt weniger auf dem Import deutscher Ingenieurskunst – die ist geschätzt –, sondern auf der Frage, wer bereit ist, Risiken mitzutragen und eigenes Geld im Königreich zu binden.

Warum Saudi-Arabien für Deutschland systemrelevant ist

Mehr als dringend sucht Deutschland Versorgungssicherheit für seine Industrie; die Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP setzt große Hoffnungen auf Wasserstoff als zukünftigen Energieträger. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wies in einem Zitat der deutsche Presseagentur darauf hin, dass Wasserstoff derzeit nicht in ausreichendem Maß verfügbar und noch zu teuer sei. In Saudi-Arabien, wo optimale Bedingungen für die Erzeugung von Wasserstoff durch Solarenergie bestehen, könnte dieser jedoch klimafreundlich produziert werden.

Für den Transport per Schiff wird der Energieträger Wasserstoff in der Chemikalie Ammoniak gebunden, die sich einfacher verflüssigen, transportieren und lagern lässt als Wasserstoff. In Rostock soll das Ammoniak wieder in Wasserstoff umgewandelt und von dort weitertransportiert werden.

Die Zeit drängt, denn die Energiewende braucht mehr als politische Bekenntnisse. Sie braucht Moleküle. Und genau deshalb rückt Saudi-Arabien noch einmal ins Zentrum deutscher Industriehoffnungen. Grüner Wasserstoff soll künftig Hochöfen speisen, Gaskraftwerke absichern und jene Lücke füllen, die Europa aus eigener Kraft nicht schließen kann. Saudi-Arabien hat bereits Milliarden in seine Wasserstoff-Industrie investiert und ist kurzfristig in großem Ausmaß lieferfähig. Deshalb wird in Riyadh dieser Tage klar: Grüner Wasserstoff aus Saudi-Arabien könnte für Deutschlands klimaneutrale Industrie kein „Nice to have“, sondern ein strategischer Gamechanger werden.

Ja, in Riyadh wurde über Wasserstoff gesprochen – doch verhandelt wurde etwas anderes. Während deutsche Manager auf Umsatz durch saudische Riyal hoffen, hofft Saudi-Arabien auf Beteiligungen, Euro-Kapitalflüsse und langfristiges Commitment. Gerade beim Thema Wasserstoff wird dieser Unterschied sichtbar. Für Deutschland ist grüner Wasserstoff aus Saudi-Arabien eine strategische Lebensader für Industrie und Klimaziele. Für Saudi-Arabien hingegen ist Wasserstoff vor allem ein Vehikel, um internationale Investoren ins Land zu holen, Wertschöpfung lokal aufzubauen und die eigene Energiezukunft jenseits des Öls abzusichern. Denn das Königreich sucht Partner für den Umbau seiner Wirtschaft.

Abdulaziz bin Salman

Wir sind tatsächlich der größte Wasserstoffproduzent und wir sind bereit, grünen und sauberen Wasserstoff weltweit zu exportieren

Beide Ziele sind legitim. Beides passt – theoretisch. Praktisch prallen zwei ökonomische Kulturen aufeinander. Diese Asymmetrie ist kein Konflikt, sondern ein struktureller Unterschied in den Erwartungen. Deutschland denkt in Exportmodellen, Saudi-Arabien in Co-Investments. Während deutsche Manager auf Vertragsvolumen und Projektpipelines blicken, kalkuliert Riyadh, welche ausländischen Partner tatsächlich „Skin in the Game“ mitbringen.

Wer nur Wasserstoff kaufen will, ohne sich an Produktionsanlagen, Infrastruktur oder Finanzierung zu beteiligen, bleibt aus saudischer Sicht ein Kunde – und wird kein Partner. Kunden gibt es viele. Was nach einem klassischen Kaufgeschäft klingt, ist in Wahrheit ein komplexer Tausch – mit sehr unterschiedlichen Erwartungen auf beiden Seiten des Tisches. So liegt der wahre Kern der Gespräche nicht in Absichtserklärungen oder Fototerminen, sondern in einer unausgesprochenen Frage: Ist Deutschland bereit, vom reinen Auftragnehmer zum Mitinvestor zu werden?

Erst wenn deutsche Unternehmen nicht nur Technologie liefern, sondern auch Kapital, Know-how und langfristiges Engagement einbringen, entsteht aus saudischer Sicht die gewünschte Partnerschaft. Alles andere bleibt höfliche Diplomatie – professionell, freundlich,austauschbar.

Also, mal wieder diplomatisches Glatteis voraus? Ja, und hier sind wieder einmal interkulturelle Soft skills gefragt. Aber auch der rein geschäftliche Teil – der Einkauf von Wasserstoff – hat es wegen diverser Regularien in sich. Erschwert wird die Annäherung nämlich durch europäische Regeln. So ließ Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in Riyadh keinen Zweifel daran, wo sie das größte Hindernis sieht: in Brüssel. Die aktuellen EU-Vorgaben für „grünen“ Wasserstoff seien so komplex, dass Preise von acht bis zwölf Euro pro Kilogramm entstünden – wirtschaftlich kaum tragfähig.

Die Forderung der Bundesministerin: Eine realistischere Definition nachhaltigen Wasserstoffs, damit Importe überhaupt wettbewerbsfähig werden. Übersetzt heißt das, ohne regulatorisches Umdenken bleibt der Wasserstofftraum ein sehr teurer Traum. Dann droht ein Paradox: Saudi-Arabien produziert günstigen grünen Wasserstoff, Europa erklärt ihn für zu teuer.

Faziz von #SaudiMag: Das Königreich sucht nicht allein Kunden, sondern Partner. Die es sich aussuchen will

Aus dem Kreis der deutschen Delegation hören wir eine Formulierung, die ein gewisses Fehlverständnis der aktuellen diplomatischen Lage andeutet: Mit den Gesprächen in Riyadh möchte ‚die deutsche Bundesregierung ausloten, ob das Königreich künftig als verlässlicher Lieferant für klimafreundlich produzierten Wasserstoff infrage komme‘. Das deutet zumindest stellenweise auf eine Überschätzung der deutschen Position hin, die das neue Selbstverständnis des Königreichs zu unterschätzen scheint.

Saudi-Arabien ist nicht mehr der Markt von gestern, der Technologien einkauft und Rechnungen bezahlt. Es ist ein Standort, der Investoren auswählt. Grüner Wasserstoff ist dabei nur der Türöffner. Die eigentliche Frage lautet: Wer ist bereit, nicht nur Moleküle zu liefern, sondern auch Kapital und Risiko zu investieren – als Partner für den Umbau der saudischen Wirtschaft?

Solange Deutschland Wasserstoff als reine Importware betrachtet, und Saudi-Arabien ihn als Einladung zum Co-Investment versteht, reden beide Seiten höflich miteinander – aber auch aneinander vorbei #

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