Foto: Redaktion, OW, ADL
Globale Talente ziehen nicht dorthin, wo es am lautesten ist, sondern dorthin, wo langfristig gedacht wird. In einer Zeit westlicher Selbstvergewisserung entwickelt sich die Golfregion zu einem Ort, an dem Ambition auf Handlungsspielraum trifft.
Während Europa und die USA mit Bürokratie, Unsicherheit und KI-bedingten Umbrüchen ringen, formiert sich am Golf ein neues Versprechen: Städte wie neuerdings Riyadh oder schon fast „traditionell“ Dubai, Abu Dhabi und Doha, positionieren sich nicht länger nur als Wirtschaftsstandorte, sondern als Lebensräume für eine globale Elite von Denkern, Gründern und Gestaltern.
Der Westen war lange der natürliche Zielhafen für Ambition. Wer etwas bewegen wollte, ging nach New York, London, Boston oder ins Silicon Valley. Heute ist dieses Versprechen brüchig. Hohe Steuern, regulatorische Überfrachtung, politische Lähmung und eine Arbeitswelt im KI-Umbruch erzeugen ein Klima der Vorsicht – nicht des Aufbruchs. Selbst Elite-Absolventen hangeln sich von Befristung zu Befristung und warten darauf, dass „es wieder normal wird“. Spoiler: Das wird es nicht.

Die Golfstaaten verstehen, dass hochqualifizierte Fachkräfte kein Nebenprodukt, sondern ein zentraler Wachstumstreiber sind
Abhishek Sharma, Partner, Oliver Wyman
Der Wettbewerb um internationales „Human Capital“ ist längst kein Randthema mehr in wirtschaftspolitischen Strategien. Er ist zu einer stillen, aber entscheidenden Standortfrage geworden. Während viele westliche Volkswirtschaften mit institutioneller Überdehnung, fiskalischem Druck und politischer Fragmentierung ringen, verfolgen die Staaten des Golf-Kooperationsrats einen bemerkenswert kohärenten Ansatz: Sie kombinieren Lebensqualität mit strategischer Offenheit – und Geschwindigkeit mit Kapital.
Die modernen Städte auf der Arabischen Halbinsel wirken dabei weniger wie klassische Expat-Hubs, sondern zunehmend wie urbane Laboratorien. Hochwertige Gesundheitsversorgung, internationale Bildungsangebote, Sicherheit und kulturelle Zugänglichkeit schaffen ein Umfeld, das für mobile Fachkräfte ebenso relevant ist wie für ihre Familien. Hinzu kommen steuerliche Rahmenbedingungen, die ambitionierten Lebensentwürfen Raum lassen, statt sie zu begrenzen.
Doch der eigentliche Anziehungspunkt liegt auch noch woanders. Am Golf findet sich etwas, das in „reifen“ Volkswirtschaften selten geworden ist: die Möglichkeit, Strukturen neu zu entwerfen. Institutionen, Industrien und regulatorische Ökosysteme befinden sich hier nicht im Modus der Verteidigung, sondern der Konstruktion. Für Fachkräfte aus Technologie, Wirtschaft und Forschung bedeutet das, nicht nur Teil bestehender Systeme zu sein, sondern an deren Entstehung mitzuwirken.

Der Zustrom internationaler Talente beschleunigt Innovation und schafft die Grundlage für nachhaltiges Wachstum in Schlüsselindustrien
Raymond Khoury, Partner, Arthur D. Little Middle East
Diese Haltung spiegelt sich besonders deutlich in den strategischen Zukunftsfeldern der Region wider. Nationale Programme zu künstlicher Intelligenz, nachhaltiger Industrie oder digitaler Infrastruktur sind weniger Reaktion als Vorgriff. Sie werden nicht in endlosen Konsultationsrunden verhandelt, sondern mit klarer Zielarchitektur umgesetzt. Der Staat fungiert dabei nicht als Bremse, sondern als Katalysator.
Gleichzeitig wissen die Golfstaaten, dass Talent nicht allein durch messbare Zweckmäßigkeit gehalten wird. Historisch haben sich kreative und intellektuelle Milieus dort entfaltet, wo Transparenz, Leistungsgerechtigkeit und institutionelles Vertrauen gewährleistet sind. Reformen in Governance, Regulierung und Rechenschaftspflicht sind daher integraler Bestandteil dieser Öffnung – nicht ihr Gegenpol.
Der internationale Kontext verstärkt diese Dynamik. Selbst Absolventen führender westlicher Hochschulen sehen sich zunehmend mit unsicheren Karrierepfaden konfrontiert, während Unternehmen offen einräumen, dass die durch Automatisierung und KI ausgelösten Anpassungen Jahre benötigen werden. Im Kontrast dazu präsentiert sich der Golf als Region mit klarer strategischer Richtung und dynamischen Arbeitsmärkten – allerdings mit ebenso klarem Fokus auf die Förderung einheimischer Talente: „Saudisierung“ ist das Schlagwort in Saudi-Arabien, aber entsprechende Programme gibt es auch woanders. Man kann sich die ausländischen Talente längst aussuchen.
Historisch gesehen ist das Muster bekannt. Die USA wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zur Supermacht, weil sie europäische Intelligenz absorbierten. Die Staaten profitierten von europäischer Migration und das Silicon Valley explodierte in den 1990ern, weil Migration, Kapital und Ideen zusammenkamen. Heute, in einer Phase westlicher Selbstbeschäftigung, entsteht ein ähnliches Gravitationsfeld am Arabischen Golf. Die unbequeme Wahrheit lautet: Der globale Wettbewerb um Human Capital ist kein moralischer Diskurs, sondern ein Standortfaktor. Wer Freiheit zum Gestalten bietet, gewinnt. Wer nur Sicherheit verspricht – die mittlerweile im Westen brüchig geworden ist – der verliert. In der Region hat das verstanden. Womöglich schneller, als es vielen im Westen lieb ist.
Die heutige Golfregion inszeniert sich dabei nicht als Gegenentwurf zum Westen, sondern als Ergänzung mit eigenem Rhythmus. Wer hierherkommt, entscheidet sich selten aus Ablehnung, sondern aus Neugier auf das, was noch gestaltbar ist. Die Zukunft zieht nicht dorthin, wo sie verwaltet wird – sondern dorthin, wo man ihr Platz macht #