Bullauge

Im Transit Richtung Zukunft

Die Weltkarte der Zuversicht verschiebt sich

Foto: Redaktion

Es gibt Journalisten, die über Krisen berichten. Und dann gibt es Menschen wie Lars von Lennep, die dorthin reisen, wo Zukunft gerade entworfen wird.

An einem – wie üblich staubig-warmen Abend in Riyadh – sitzt von Lennep auf der Terrasse eines Cafés im Financial District. Vor ihm gleiten Uber-Taxis über die Straße, dazwischen immer mal wieder ein autonom fahrendes Robo-Shuttle. Kräne zeichnen neue Skylines in den Himmel und irgendwo hinter den Glasfassaden arbeiten Designer, Architekten und Softwareentwickler an Projekten, die noch vor wenigen Jahren wie Science-Fiction geklungen hätten.

Von Lennep gehört zu einer kleinen, wachsenden Gruppe internationaler Erzähler, die die Welt nicht mehr entlang alter Machtzentren lesen. Für sie liegt die Zukunft nicht automatisch in London, New York, schon gar nicht in Berlin. Stattdessen richtet sich ihr Blick auf den Nahen Osten, auf Shenzhen in Fernost, auch vielleicht schon hinüber nach Panama City. Dorthin, wo Optimismus die Leitidee ist…Er nennt es:

The New Geography of Optimism

Es meint eine neue Landkarte globaler Zuversicht. Die Idee dahinter ist einfach und radikal zugleich: Während viele westliche Gesellschaften in einem Dauerzustand aus Skepsis, Verwaltung und kultureller Erschöpfung festzustecken scheinen, investieren andere Regionen massiv in Visionen. In Infrastruktur. In neue Städte. In Mobilität. In kulturelle Identität. In Zukunft als gesellschaftliches Projekt.

Saudi-Arabien fasziniert Lars von Lennep weniger wegen seiner Giga-Projekte als wegen seiner Geschwindigkeit. „Man spürt hier einen Hunger nach Zukunft“, sagt er. „Nicht alles wird funktionieren. Nicht alles hat funktioniert. Aber die Energie, die Begeisterung, der Optimismus, das alles ist real.“

Lvl

Mich interessiert die Geografie des Optimismus. Europa diskutiert darüber, was nicht mehr funktioniert. Saudi-Arabien diskutiert darüber, was als nächstes möglich ist

Das ist bemerkenswert, weil Lars von Lennep Saudi-Arabien nicht wie ein klassischer Wirtschaftsreporter betrachtet. Ihn interessieren weniger Quartalszahlen als Stimmungen. Weniger geopolitische Schlagzeilen als die kulturelle Temperatur eines Ortes. Er berichtet über Surf-Communities am Roten Meer, spricht mit jungen saudischen Kreativen, beobachtet neue Architekturquartiere und interessiert sich für die Frage, wie sich Gesellschaften verändern, wenn plötzlich Möglichkeitsräume entstehen. In seinen Geschichten tauchen deshalb immer wieder dieselben Motive auf: Flughäfen. Küstenstraßen. Baustellen bei Sonnenuntergang. Neue Cafés in ehemaligen Verwaltungsvierteln. Menschen, die das Gefühl haben, Teil eines historischen Moments zu sein.

Es ist ein Zugang, der wenig hat von klassischem Nahostjournalismus. Es ist weniger Breaking News, mehr kulturelle Tiefenschärfe. Und vielleicht liegt genau darin seine eigentliche Richtung – er ist nicht Analyst des Wandels. Sondern Chronist globaler Aufbruchsstimmung. Von Lennep beschreibt Saudi-Arabien nicht als perfekte Utopie, denn er weiß um die Widersprüche des Landes. Aber gerade diese Ambivalenz macht den Ort für ihn journalistisch interessant. „Die spannendsten Geschichten entstehen nie in fertigen Gesellschaften“, sagt er. „Sondern in Gesellschaften im Übergang.“

Es ist weit vor Mitternacht, als sich die Straßen von Riyadh schon leeren. Die Wüsten-Metropole geht noch immer früh schlafen. Aber, über der Stadt schweben noch immer die Lichter der Kräne. Irgendwo wird weitergebaut.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Menschen wie Lars von Lennep immer wieder hierher zurückkehren: Nicht, weil Saudi-Arabien bereits die Zukunft ist. Sondern, weil das Land sichtbar daran glaubt, eine zu haben #

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